Spielbesprechung
Nicht nur, dass man zu allen möglichen Filmen heute
mit Merchandising-Material totgeworfen wird, nun gibt es auch
noch die berühmt-berüchtigten "Spiele zum Film".
Nachdem Kosmos im letzten Jahr schon zwei "Vorab-Spiele" zum
Film "Der Herr der Ringe" auf den Markt gebracht hat
(Reiner Knizias "Der Herr der Ringe" und "Die Suche" von
Peter Neugebauer), holt der Verlag zum Kinostart richtig aus
und legt gleich drei Produkte vor. Neben einer Ergänzung
zum Knizia-Spiel und "Der kleine Hobbit" bei Klee auch
noch "Der Herr der Ringe - Die Gefährten".
Wie die Vergangenheit leidvoll gezeigt hat, tut man sich schwer, den Stoff von Tolkiens legendärem Mammutwerk vernünftig auf den Spieltisch zu bannen. Man kann also gespannt sein, ob dies mit den neuen Werken des Jahres 2001 besser gelingt.
Was machen "Die Gefährten" im "Herrn der Ringe"? Sie reisen und bestehen so manches Abenteuer. Drum lassen auch auf dem Spielbrett die Spieler ihren jeweiligen Hobbit in vier Etappen die Schauplätze des Films erwandern - immer schön im Gänsemarsch -, gewürzt mit Begegnungen mit feindseligen Gesellen und abgeschmeckt mit manchem "Abenteuer". Ein Hobbit wird noch zum "Ringträger" erklärt, er bekommt für die schwere Bürde einen gewissen Blick in die "Zukunft" beschert, sprich er darf Einblick in die oberste Gegner- und Ereigniskarte nehmen (von diesen gibt es für jede Etappe jeweils einen eigenen Satz).
Das "Gänsemarsch"-Bewegungssystem: Jeder Spieler schwingt gleichzeitig zwei Würfel, legt von den beiden einen für später zurück (er gibt die Kampfstärke an) und zieht so viele Felder wie Würfelaugen. Ist man mit dem Wurf nicht zufrieden, so darf man noch durch Ausgabe von Bewegungspunkten die Laufweite verkürzen (bis auf Null) oder verlängern (auf maximal sechs Felder). Stehen Hobbitkollegen im Weg, so werden diese einfach übersprungen, ihr Feld zählt nicht mit. Kommt ein Hobbit auf ein Ereignisfeld, so wird die oberste Ereigniskarte ausgeführt. War der Wurf mager, sprich war das Gesamtergebnis beider Würfel unter sechs, so gibt es als kleines Trostpflaster einen Bewegungspunkt.
Nachdem alle Hobbits gezogen sind, wird die oberste "Gegnerkarte" aufgedeckt, die einen finsteren Gesellen zeigt, der in dieser Runde den Würfel mit uns schwingen will. Eine Gegnerkarte hat drei Stärkewerte, von denen für den vordersten Hobbit aber der erste gilt: Nun schwingt der Spieler seinen zweiten Würfel (der erste war ja schon am Anfang für die Stärke festgelegt worden), und ein Mitspieler wirft den "Sauronwürfel" - ein gar bedrohlich aussehender Sechsseiter, der aber auch nur Zahlen von eins bis sechs zeigt. Der Kampfwert ergibt sich aus der Summe der beiden Würfel (beim Hobbit) plus zusätzlicher Modifikatoren bzw. als Summe von Stärkewert und Sauronwürfel.

Ist der Kampfwert des Hobbits größer-gleich dem des Gegners, dann gibt's eine auf der Gegnerkarte aufgedruckte Belohnung (zusätzliche Bewegungspunkte, mal ein Schwert - was den Kampfwert erhöht - oder die begehrten Heldenpunkte). Hat allerdings der Gegner den höheren Kampfwert, so muss der unterlegene Hobbit um eine Position nach hinten rücken. Sind noch mehrere Felder zum Nächstfolgenden frei, so kann man allerdings auch nach Abgabe von einem Bewegungspunkt und Zurückrücken um ein Feld den Kampf zu gleichen Konditionen noch mal wiederholen. Wenn die folgenden Hobbits alle direkt hintereinander stehen, dann kann es beim Zurückrücken passieren, dass man gleich mehrere Positionen zurückfällt, möglicherweise gar auf den Schlussplatz. Nun kommt der nächste Hobbit an die Reihe, sich dem Gegner zu stellen, der diesmal den zweiten Stärkewert anwendet. Ist auch der zweite Hobbit erfolglos ("ab nach hinten") kommt noch der Dritte in der Reihe dran, und wenn auch der versagt, dann erklärt der Gegner diese Bande von zu klein geratenen Großfüßlern als seiner unwürdig und zieht ab. Steht nach dem Kampf der Ringträger auf letzter Position, dann muss er den Ring an den jetzt führenden abgeben.
So ziehen also unsere Hobbits ihren Etappenzielen entgegen, und wer da zuerst ankommt, der bekommt auch die meisten Heldenpunkte. Dort können sich auch noch Begleiter anschließen, die zum einem beim Kampf helfen können (dann müssen sie allerdings an einen Mitspieler weitergegeben werden) und die zum anderen am Schluss weitere Heldenpunkte einbringen. Insgesamt sind unterwegs auch noch vier Abenteuer zu bestehen, die sich aber nur als weitere Würfelproben entpuppen.
Nach knapp einer Stunde Rumwürfelei ist man dann endlich am vierten Etappenziel, dem "Amon Hen" angekommen. Gewonnen hat der Hobbit mit den meisten Heldenpunkte. Und dann? Ich vermute, dass die meisten werden das Spiel ins Spieleregal stellen, wo es den Rest seiner Tage fristen wird. Denn wenn man ein Würfelspiel will, dann kann man gleich zu "Mensch ärgere Dich nicht" greifen, da sind zumindest nicht so viele Ausnahmeregeln zu beachten, die immer wieder ein Regelstudium erfordern.
Die taktischen Möglichkeiten der "Gefährten" sind tatsächlich mager: Für einen Kampf braucht man einen hohen Stärkewürfel, also wird in 80% der Fälle der höhere der beiden geworfenen Würfel als Stärke gewählt. Da man gleichzeitig noch möglichst weit nach vorne kommen will - die Kämpfe sowie der frühe Einlauf in die Etappenziele bringen die begehrten Sieg-, sprich Heldenpunkte - wird man mit Bewegungspunkten versuchen, sich auf einen vorderen Platz zu setzen. Entscheidungsmöglichkeiten, taktische Finessen? ... Wer schlecht würfelt hat schnell das Nachsehen, läuft hinterher und bekommt vom "Heldenkuchen" nur noch die Krümel. Und da auch die Abenteuer nur auf Würfelei herauslaufen, sind selbst diese wenig abwechselungsreich. Wenn Tolkien eine so eintönige Geschichte geschrieben hätte, wie sie im Spiel erzählt wird, wäre "Der Herr der Ringe" wohl kaum zu einem solchen Buchklassiker geworden, der schon mehrere Generationen in seinen Bann zieht.
Ich sollte nicht nur meckern: Der beidseitig bedruckte Spielplan ist hübsch, auf den Karten findet man Originalfotos aus dem Film, und es werden auch noch neun Würfel mitgeliefert, die man bestimmt noch anderweitig benutzen kann. Dennoch ist zumindest für die Menschen, die öfter als einmal pro Jahr am Spieltisch sitzen "Der Herr der Ringe - Die Gefährten" nicht zum Kauf zu empfehlen - wenn man nicht gerade ein fanatischer Tolkienfans ist, der alles kaufen muss, was im Namen des großen Meister produziert wird.
Aber halt: Das Spiel ist ja eher für Gelegenheitsspieler gedacht und nicht unbedingt für diejenigen, die sich jede freie Minute mit Spielen herumschlagen? Na, ob für einen Gelegenheitsspieler "Der Herr der Ringe - Die Gefährten" eine Erleuchtung ist, möchte ich bezweifeln. Auch Gelegenheitsspieler haben ein abwechselungsreicheres Spiel verdient, ..., warum fällt mir schon wieder "Mensch ärgere Dich nicht" ein ...?
Eine Bitte an die Jury des Spiel des Jahres: Bitte nicht noch eine Sonderkategorie "Spiel zum Film", bitte bitte ...
Der Herr der Ringe - Die Gefährten von J.R.R. Hering, 3-4 Spieler ab 10 Jahren, 60 Minuten, Kosmos (2001), ca. 26 €
Dr. Arne Claussen