.

Spielbesprechung

Carcassonne - Die Stadt


.

ProduktfotoCarcassonne-Fans braucht man eigentlich schon nicht mehr auf bevorstehende oder bereits erschienene Erweiterungen aufmerksam zu machen. Meist sind diese schon bekannt und hoch gehandelt, wenn sie gerade mal ein paar Tage zu erhalten sind.

Von den Händlern und Baumeistern bis zum "Fluss", von den Katharern bis zum Grafen - alles was den Namen der mittelalterlichen, südfranzösischen Stadt trägt, scheint ein Selbstgänger zu sein. Was uns HANS IM GLÜCK aber in diesem Jahr auftischt, ist im wahrsten Sinne des Wortes in Hingucker.

Die Verpackung ist eine Holzkiste. Eine Silhouette der Stadt wurde in den oberen Teil des Kistendeckels eingebrannt. Darunter, im gewohnten Schriftzug und ebenfalls ins Holz gebrannt, prangt der Name. Und wie in einen edlen Umhang gehüllt umfasst ein royalblaues Band mit goldener Schrift und Borte die untere Hälfte der Holzkiste von CARCASSONNE - DIE STADT.

Im Innern der Kiste finden wir zwei Stoffsäckchen. Der eine wird später die 60 Plättchen beherbergen, der andere beinhaltet 72 Mauerteile, 12 Türme und ein Stadttor, alles aus lackiertem Holz. Außerdem gibt es natürlich die schon bekannten Gefolgsleute und Markierungssteine ebenfalls wie gewohnt aus Holz sowie die nunmehr durchnummerierte Zähltafel.

Die Spielregel ist gut und durch Beispiele ausreichend illustriert. Auch die Plättchen sind grafisch wieder gut gelungen und zeigen kleine, nette Details. Sie sind farblich eher blasser gehalten als man es von der Urform her kennt, aber wir haben es hier schließlich auch nicht mit Städten und Wiesen sondern mit Märkten und Höfen zu tun. Dabei treten die Märkte an die Stelle der Städte, die Siedlungen werden wie die Wiesen bei Carcassonne behandelt. Freilich die Straßen sind und bleiben Straßen. Warum nun aber die Siedlungen braun und die Märkte grün dargestellt sind, also gerade andersherum als die entsprechenden Wertungselemente bei Carcassonne, ist nicht gleich einleuchtend. Wollte man hier eine Abgrenzung schaffen? Für passionierte Carcassonne-Spieler ist das anfangs eher verwirrend.

Beim zweiten Hinsehen stellt man dann aber leider einen Fehler (?) fest, der so gar nicht zum bis dahin glanzvollen Auftritt passt: der Rapport insbesondere der Straßen ist so unregelmäßig, dass zwei Wegteile - die Plättchen Kante an Kante angelegt - z.T. recht deutlich seitlich versetzt weitergeführt werden. Ein ebenso unschöner wie unnötiger Makel, der überhaupt nicht in das Gesamtbild des ansonsten luxuriös und edel wirkenden Spiels passt.

Neues aus Carcassonne

Spätestens seit "Carcassonne - Die Burg" wissen wir: Wo Carcassonne drauf steht, ist auch (irgendwie) Carcassonne drin. Das Spielprinzip von DIE STADT ist weitestgehend gleich dem von Carcassonne, und insofern sollen hier in bezug auf die Spielmechanismen nur Abweichungen genauer betrachtet werden.

Eine wirkliche Änderung gibt es beim Punkten einer nicht besetzten Einheit. Konnte man bei Carcassonne eine unbesetzte Straße oder Stadt besetzen, die man im selben Zug mit dem Legen des Plättchens vollendete, erhielt man sofort Punkte. Bestes Beispiel: die kleinen Städte aus zwei Teilen, mit denen man schnell zwei (oder vier, je nach Regelauflage) Punkte machen kann. Dies wird in DIE STADT durch die Regel ausgeschlossen.

Straßen müssen auch bei DIE STADT weitergeführt werden, indem passende Kärtchen an bereits begonnene Straßen angelegt werden; eine Straße darf natürlich nicht abrupt an einem Markt enden. Etwas gewöhnungsbedürftig ist jedoch, dass man Markt- und Siedlungskärtchen, also grüne und braune Kanten aneinander legen darf, was zwar die Anlegemöglichkeiten erheblich vergrößert, die Ästhetik aber deutlich stört. Dadurch entstehen gerade bei den Märkten z.T. sehr kleine Parzellen. Der Punkteabrechung kommt dies zugute. Aber dazu später mehr.

"Niemand will eine Mauer bauen..."

Wenn die ersten 25 Kärtchen verbaut sind, kommen ganz neue Elemente ins Spiel: die Stadtmauerteile. Bei jeder nun folgenden Wertung erhalten die Spieler (ja nach Spielerzahl) ein oder zwei Mauerteile, die sie der Reihe nach (bzw. abwechselnd) verbauen. Der erste Spieler darf sogar das Stadttor setzen und hat damit den Vorteil, bestimmen zu können, an welcher Stelle der Bau der Stadtmauer beginnt. DetailDanach werden neue Stadtmauerteile immer an die beiden Enden der Stadtmauer angebaut. Derjenige, der die Wertung ausgelöst hat, darf als letztes noch einen seiner (bis zu sechs) Türme an eines der Mauernenden setzen. Damit kann er noch zusätzliche Punkte machen.

Außerdem dürfen die Spieler auf ein Mauerstück, das sie gerade gesetzt haben, einen ihrer Gefolgsleute stellen. Dieser wird dann als Soldat bezeichnet. Für die Schlusswertung bedeutet das, dass der Spieler für alle besonderen Gebäude, die sich zwischen dem Mauerstück befinden, auf dem sein Soldat steht und dem gegenüberliegenden Mauerstück, Punkte erhält. Die besonderen Gebäude sind auf den Kärtchen entsprechend ihrer Bedeutung gut zu erkennen.

Da die Soldaten aber wie die Gefolgsleute auf den Siedlungen (dort Vögte genannt) bis zum Schluss dort stehen bleiben, sollte man sich nicht zu früh von seines Gefolgsleuten trennen, da diese einem beim "operativen Geschäft" sonst fehlen könnten.

Nachdem weitere 20 Kärtchen verbaut wurden, wird die Anzahl der Mauerteile, die jeder Spieler bei Auslösen einer Wertung erhält, noch mal verdoppelt. Der Mauerbau wird so beschleunigt, und es entsteht nach und nach eine Stadt mit Stadtmauer und Türmchen. Werden durch das Anbauen von Mauerteilen Märkte oder Straßen abgeschlossen, werden diese sofort gewertet. Sobald auch noch die restlichen 15 Kärtchen verbaut wurden oder die Stadtmauer (fast) ganz geschossen wurde, endet das Spiel, und es kommt zur Schlusswertung.

Bei der Wertung gibt es zwei gravierende Änderungen:

1. Der Wert einer Straße ist von ihrer Länge abhängig. Für Straßen, die aus 1-3 Teilen bestehen, gibt es einen Punkt je Teil. Für Straßen ab einer Länge von vier Teilen gibt es die doppelte Punktzahl.

2. Der Wert von Märkten richtet sich neben der Anzahl der Kärtchen auch nach der Anzahl der verschiedenen Marktarten. Es gibt drei Arten, die verschiedenfarbig dargestellt werden. Jede verschiedene Marktart zählt bei der Abrechnung als Multiplikator. Hat man also einen Markt, der aus 5 Kärtchen besteht und der 2 verschiedene Marktarten enthält, bekommt man dafür (5 x 2 =) 10 Punkte. Man ist daher also bemüht, neben der Größe auch die Vielfalt seiner Märkte zu erhöhen.

Nach bekanntem Schema werden dann die Siedlungen gewertet. Dabei bringen alle Märkte, die an eine Siedlung grenzen, Punkte, egal, wie groß und wertvoll der Markt ist. Das ist auch der Grund, warum es durchaus interessant sein kann, einen Markt zu bauen, der nur aus einem Teil besteht.

Schließlich, und da wird es noch mal interessant, werden die Soldaten auf den Mauern gewertet. Jeder Soldat schaut auf die Reihe, die genau vor seinem Mauerteil anfängt und am gegenüberliegenden Mauerteil endet. Für jedes besonders gekennzeichnete Gebäude in dieser Reihe erhält der betreffende Soldat Punkte. Historische Gebäude bringen sogar etwas mehr Punkte. Nachdem auch diese Wertung erfolgte, ist das Spiel beendet.
 

.

Stadtgeflüster

Um nun eine abschließende Betrachtung abzugeben, sollte man die Heerschar der Interessenten in zwei Lager teilen und zwar in das derjenigen, die Carcassonne bereits kennen (und lieben) und derjenigen, die da evt. erst noch hinwollen.

Für die CC-Liebhaber kann ich mich kurz fassen: Ihr werdet auch DIE STADT lieben, auch wenn sie Euch in Sachen Spielmechanismen nichts grundlegend neues zu bieten hat (mit Ausnahme der Soldaten). DIE STADT gehört einfach in eine Sammlung und ist ohne Frage ein Schmuckstück derselben. CC-Ästheten wird es evt. etwas stören, dass man grüne an braune Kanten legen darf, aber man gewöhnt sich dran. Die Folge ist jedenfalls, dass das Blockieren des Gegners nicht mehr so einfach ist.

CARCASSONNE - DIE STADT funktioniert - wen wundert's - reibungslos und bietet 30-60 Minuten beste Unterhaltung. Das Spielprinzip ist weitgehend erprobt, das Material, wenn man von den grafischen Unaufmerksamkeiten absieht, einwandfrei. Die Holzteile sind erstklassig verarbeitet und machen aus DIE STADT einen optischen Leckerbissen.

Doch was bedeutet das jetzt für denjenigen, der weder Carcasonne noch Carcassonne - DIE STADT oder einen ihrer artverwandten bisher auf dem Tisch hatte? Er/Sie bekommt ein toll ausgestattetes, weitestgehend erprobtes und daher etabliertes und überaus attraktives Spiel in einer Aufmachung, die Ihresgleichen sucht. Und das ganze zu einem gerechten Preis. Das Spiel funktioniert zu zweit so gut wie zu viert. Taktieren ist auch beim Bau der Mauer möglich und sinnvoll. Man kann andere an der Ausbreitung ihrer Einheiten hindern, kann Mauern bauen, wo eben noch Märkte wuchsen oder den eigenen Markt unverhofft schnell abschließen, um so wieder eigene Gefolgsleute zur Verfügung zu haben. Das Setzen von Soldaten macht Sinn, wenn erkennbar ist, dass die Reihe, die sie überwachen, schon einige Gebäude enthält, für die es Punkte gibt. Im Normalfall ist man auch einziger Nutznießer dieser Aktion.

Schließlich kann man durch das Setzen des Türme zusätzliche Punkte machen und zwar nicht wenige, wenn man sie geschickt einsetzt.

Waren es früher die Bauern auf der Wiese, die so oft über Sieg und Niederlage entschieden haben, können dies nun die Soldaten sein. Als zusätzliches Element erhöhen letztere die taktischen Möglichkeiten und jene, den Ausgang des Spiels noch zu beeinflussen.

Alles in allem aber stellt CARCASSONNE - DIE STADT bestimmt nicht den Anspruch, neue Spielmechanismen und Überraschendes zu bieten. Deswegen ist der Vergleich zu den bisherigen Familienmitgliedern sicher erlaubt. Wer Carcassonne liebte, der wird auch DIE STADT lieben. Wer der Grundversion nichts abgewinnen konnte, wird sich auch von dem überzeugenden Spielmaterial nicht überzeugen lassen.

Dennoch bleibt ein grundsolides Spiel mit dreidimensionalen Erscheinungen, das sowohl familienfreundlich ist als auch versierten Spielern Anreize bietet.

Spielmaterial

Carcassonne - Die Stadt von Klaus-Jürgen Wrede, Grafik: Oliver Freudenreich, 2-4 Spieler ab 8 Jahren, Spieldauer 30-45 Minuten, Preis ca. 29,00 EUR, Hans im Glück (2004)

Axel Bungart, ab.fakir@gmx.de

.
 
Weitere Infos über "Carcassonne - Die Stadt":
despielbox.de deLuding enBoardgameGeek
deSpielefindex deGoogle
...

bernd <cgner@web.de> 26.01.2005 09:16:

sorry, aber diese carcassonne-variante ist schlicht enttäuschend. sie bietet - gerade für zwei spieler - kaum neuen reiz und erstickt schnell in eintönigkeit. unbedingt beim klassiker bleiben!
grüße vom carcassonne fan

 
Letzte Änderung: 16.04.2008 15:37 
[ Home ] [ Top ] [ Spielarchiv ]