Spielbesprechung
Ein noch junger Verlag reiht sich 2002 in die Liste derer
ein, die eines ihrer Produkte mit der Auszeichnung "Spiel des
Jahres" schmücken dürfen. Die Jury war davon
überzeugt, daß "Villa Paletti" des Münchner
Zoch-Verlags in diesem Jahr ganzheitlich betrachtet den
besten Eindruck hinterließ. Der 1987 gegründete
Verlag hatte bisher insbesondere mit "Zicke Zacke
Hühnerkacke", "Bausack" oder "Wer wohnt wo"
bemerkenswerte Erfolge erzielt und bietet mit Villa Paletti
wieder ein generationenübergreifendes Produkt.
Villa Paletti erscheint in witziger graphischer Aufmachung in einer Schachtel, die sich den Formaten der übrigen Spiele im Regal bestens anpaßt. Das Lesen der Spielregel bereitet keine Schwierigkeiten: sie ist kurz und prägnant, vermittelt alles, was man wissen muß in verständlichen Worten und läßt keine Fragen offen.
Das Material ist aus Holz (bis auf die Bodenplatte), und auch hier ist die Verarbeitung überzeugend. Daß die Holzsäulen nicht alle 100 %ig gleich sind, liegt erstens in der Natur der Sache und birgt zweitens für niemanden einen Nachteil, da kein Spieler grundsätzlich eine Stammfarbe beanspruchen kann (s.u.).
Die Geschichte von Villa Paletti lehrt uns, daß einst ein schrulliger älterer Herr mit dem Bau eines Luftschlosses begann, das allerdings Mangels "Masse" (Ebbe im Portmanaie) nie fertig gestellt wurde. Der Retter naht in Form des Enkels, der nun das Werk vollenden soll.
Und so begeben sich bis zu vier Spieler daran, aus zwanzig Säulen ein Gebilde zu Formen, das unter Mißachtung jeglicher Statikgesetze so hoch wie möglich reichen soll.
Zu Beginn des Spiels werden zunächst alle zwanzig
Säulen auf die Bodenplatte gestellt. Anschließend
wird die erste Bauebene auf die Säulen gelegt. Bis zu
diesem Zeitpunkt steht noch nicht fest, wer welche Farben
spielt. Erst nach dem die erste Ebene aufgelegt wurde,
würfelt der Startspieler seine Farbe aus. Alle anderen
Spieler dürfen danach reihum eine der verbliebenen
Farben auswählen. Hierbei kann ein Spieler bereits einen
Vorteil erlangen, da die erste Ebene in der Regel nicht alle
Säulen überdeckt und somit Säulen frei
bleiben, die leicht weiterverarbeitet werden können. Von
nun an gilt es nämlich, die (eigenen) Säulen von
der unteren auf die obere Eben zu setzen, ohne dabei das
Gebilde zum Einsturz zu bringen. Solange die Villa noch auf
mehreren Säulen steht, ist das auch kein Problem. Doch
je weniger Schultern die Last tragen, desto wackliger und
heikler wird das Unterfangen, eine seiner verbliebenen
Säulen auf die nächste Ebene zu retten. Sobald ein
Spieler verkündet, er könne eben dieses nicht mehr,
darf er die nächste Ebene auflegen und das Spielchen
wiederholt sich. Alle Säulen, die nicht mehr unter einer
Ebene hervorgezogen werden können, verbleiben für
den Rest des Spiel dort.
Ab der zweiten (grünen) Bauebene beginnt dann der eigentliche Wettstreit. Die Säulen sind nicht einheitlich dick und haben auch entsprechend verschiedene Wertigkeiten. Jeder Spieler hat eine dicke (3 Punkte), eine mittlere (2 P.) und drei dünne (je 1 P.) Säulen. Sobald ein Spieler auf einer Ebene die Säulen mit den meisten Punkten errichten konnte, erhält er das Baumeistersiegel. Kann er dies bis zum Schluß behalten, ist er der Baumeister und Sieger des Spiels. Leider beginnt der Wettkampf auf jeder Ebene aufs neue, denn es zählen nur die Säulen - und Punkte - auf der obersten Ebene.
Villa Paletti bietet von der Spielidee nichts wirklich neues. Schon bei Jenga ging es um "unten-raus - oben rein". Die Einbettung in die Geschichte der Villa Paletti ist es nicht, die dieses Spiel interessant macht. Dennoch: im Verlaufe eines jeden Spiels bildet sich ein mehr oder weniger instabiles Ungetüm aus, an dem jeder mit zittrigen, klammen Händen herumfingert. Für Grobmotoriker gibt's ein Metallhäkchen, mit dem man einzelne Säulen aus dem Inneren eines Säulengewirrs herausbefördern kann. Das Einfügen der Bauebenen sorgt dafür, daß auf jeder Ebene der Wettkampf von vorne beginnt, und so kann sich niemand auf seinen Lorbeeren - sprich Säulen - ausruhen. Folge: Es bleibt spannend bis zum Schluß. Nicht zuletzt, weil selbst derjenige, der haushoch führt, mit einer ungeschickten Bewegung der Villa Paletti den Garaus machen kann und damit definitiv nicht als Sieger aus dem Spiel hervorgeht.
Atemberaubend sind zuweilen alleine die abenteuerlichen Konstruktionen, wenn z.B. das ganze Gebilde auf nur noch zwei Säulen lastet und jeder neben der ohnehin schon gegebenen Vorsicht bei seinen Bewegungen auch noch die Gleichgewichtsverhältnisse beachten muß.
Fazit: Villa Paletti überzeugt; auch mit weniger als vier Spielern. Es bietet kurzweiligen Spielspaß, der bei der ersten wie bei der x-ten Partie geboten ist. Der Preis von (z.Zt.) ca. 30,-- EUR ist allerdings ein Tick zu hoch.
Villa Paletti befindet sich im Vergleich zu anderen, vielleicht an Material und Spielidee aufwändigeren Spielen des Jahres eher auf dem Weg "back to the roots". Das alleine ist noch kein Grund, ein Spiel nicht zumindest zu nominieren bzw. sogar zu küren, wie die Jury nun bewiesen hat. Mit einem Blick auf die Konkurrenz kann man den Titel jedoch auch mit einem kritischen Auge betrachten, und irgendwie hat man auch dann Recht.
Villa Paletti, 2-4 Spieler ab 8 Jahren, Zoch-Verlag (2001), ca. 30,00 EUR
Axel Bungart, ab.fakir@gmx.de