Spielbesprechung
Die legendären Spiele der Firma 3M, die ab der Mitte der Sechziger rund zehn Jahre auf dem deutschen Markt waren, sind für Spielesammler ein hochinteressantes Gebiet. Aber diese Spiele sind nicht nur als Sammlerstücke hochbegehrt, viele aus der Serie sind auch unter spielerischen Aspekten ganz ausgezeichnet. Die besten 3M-Spiele sind heute wieder in neuen Versionen am Markt, so z. B. Speed Circuit oder TwixT bei Klee. Einige sind seit kurzem wieder verschwunden, so Monad, das bei Hexagames als Die erste Million verlegt wurde.
Seit über zehn Jahren ist aber eines der besseren 3M-Spiele vergriffen, und eine Neuauflage ist auch nicht zu erwarten. Feudal, dessen Autor man meines Wissens nicht kennt, ist eine Schachvariante, die nicht nur zu zweit gespielt werden kann. Es gibt eine Variante, wo zwei Mannschaften mit je bis zu drei Mitspielern um den Sieg kämpfen.
Kampf ist das Stichwort, denn Feudal betont die kriegerischen Aspekte des Schach. Ziel ist es, die gegnerische Burg zu besetzen. Dazu hat man ein Heer, das aus der königlichen Familie und der Armee zusammengesetzt ist. Der König zieht wie sein Pendant im Schach, Prinz, Herzog und die beiden Ritter bewegen sich wie die Dame. Die beiden Sergeanten entsprechen dem Läufer, können aber auch ein Feld gerade gehen. Die vier Speerwerfer ziehen wie der Turm, dürfen aber zusätzlich um ein Feld diagonal laufen. Der Knappe wiederum entspricht dem Springer. Eine Besonderheit stellt der Bogenschütze dar, der nicht schlagen darf, dafür aber einen Gegner mit seinen Pfeilen aus der Entfernung beiseite- oder zurückdrängt.
Die Kämpfer sind nicht abstrakt sondern als kleine Miniaturfiguren modelliert. Sie sind recht standfest, denn sie werden in den Plan gesteckt. Dieser Spielplan umfaßt ganze 576 Felder in einem Raster von 24 X 24. Für Schachspieler ist das Schlachtfeld also riesig, aber es kommt eine Besonderheit hinzu, denn viele Felder sind als Felsen oder Wald markiert. Felsen sind gänzlich unzugänglich, Wälder müssen von den Berittenen (Ritter, Prinz, Herzog) gemieden werden. Außerdem kann es recht eng auf dem Plan werden, wenn alle sechs Armeen aufmarschieren. Dann wird es nahezu unmöglich zu überblicken, welche Figur wo bedroht wird.
Ganz besonders tückisch ist nämlich die Regel, daß beliebig viele eigene Figuren gezogen werden dürfen, mindestens jedoch eine. Das bringt eine enorme Dynamik ins Spiel. Das Heer unerfahrener Spieler wird so manchmal schon in wenigen Zügen vom Brett gefegt.
Einen gewissen Glücksfaktor gibt es zudem noch. Vor Spielbeginn teilt ein Sichtschirm das Spielfeld, hinter dem die Spieler ihre Figuren für den Gegner unsichtbar aufbauen. Da kann es dann beim Beginn des Kampfes, wenn der Sichtschirm entfernt wird, zu unangenehmen Überraschungen kommen.
Feudal hat zwar viele Elemente des Schach, spielt sich aber doch ganz anders. Besonders ungewohnt ist die Taktik, mit der der Bogenschütze eingesetzt wird. Er drängt den Gegner auf ein anderes Feld, wo er dann von einer weiteren Figur geschlagen wird. Ein radikales Umdenken verlangt auch das Gelände, das man gut zur Absicherung der eigenen Truppen ausnutzen kann. Vor allem aber wird das Spielgeschehen durch die Möglichkeit geprägt, alle Figuren zu ziehen. Bei Feudal kommt es vor allem darauf an, einen sicheren Blick für das Gelände zu bekommen und die komplexen Abläufe, wenn alle Figuren gezogen werden. Das ist eine herrliche Denksportaufgabe.
Feudal erschien ca. 1968 bei 3M, später dann bei Avalon Hill in den USA. Anfang der Achtziger wurde das Spiel noch einmal bei Schmidt-Spiele im Rahmen einer Neuauflage mehrerer 3M-Spiele veröffentlicht. Während die meisten anderen später von Klee übernommen wurden, verschwand Feudal in der Versenkung. Hätte Feudal heute am Markt wieder eine Chance? Ich bin mir nicht sicher, aber an den spielerischen Qualitäten gibt es nichts auszusetzen.
Berthold Heß