Spielbesprechung
Ein neues, bislang unbekanntes Spiel von Sid Sackson, das ist für den Spielefreund immer ein Genuß. Als uns daher sein Kartenspiel Quinto vorlag, eine der mit Spannung erwarteten Neuerscheinungen bei ASS, probierten wir das Spiel sogleich aus. Doch unsere Enttäuschung war groß: das Spiel war zwar nicht direkt schlecht, aber wirklich gut gefiel es uns auch nicht.
Da lag eine Punktekarte offen, um die sich die Spieler stritten. Es wurden Kartenserien ausgelegt. Wer eine Fünferreihe komplettieren konnte, durfte sich die Punktekarte nehmen und die nächste Karte aufdecken. In späteren Phasen wechselten dann bereits gewonnene Karten ihren Besitzer. So schleppte sich das Spiel recht zäh voran. Richtig schlimm aber war der Schluß. Nach der recht langen Spieldauer konnte das Ergebnis durch eine unglückliche Karte komplett ins Gegenteil verkehrt werden. Mit dieser Einschätzung standen wir nicht allein, denn ganz im Gegensatz zur bisherigen Übung wurde dieser neue Sackson in der Fachpresse zunächst kaum erwähnt. Später schrieben zumindest Peter Neugebauer und Michael Blumöhr doch recht negativ. Bei den "Deutschen Meisterschaften im Brettspiel" wurde das Spiel aufgrund seiner Schwächen nur mit Regeln gespielt, die von spielbox-Mitarbeiter Jo Weigand verbessert wurden.
Konnte das denn wirklich sein? Bislang stand gerade der Name Sackson doch immer für Qualität. Es hatte 1988 mit Das Erbe des Maloney den einzigen Flop gegeben, und dieser war damals offensichtlich auf die Bearbeitung durch die Redaktion zurückzuführen. Folgerichtig schrieben wir nach New York an Sid Sackson mit der Bitte, uns einige Fragen zum Spiel zu erläutern. Postwendend kam ein sehr freundlicher Brief, in dem er die Fragen beantwortete und die spielbox mit den Worten charakterisierte: "excellent magazine, I wish we had one in the U.S. half as good!". Freilich schienen ihm unsere Fragen nicht viel Sinn zu machen, und er hatte deshalb seiner Antwort die Originalregeln zu seinem Spiel, das ursprünglich Five hieß, beigefügt.
Eine erste Probepartie schon machte ganz klar: einige kleine Änderungen und Weglassungen bei der deutschen Ausgabe hatten das Spiel vollständig verändert. Mit den Originalregeln griffen auf einmal alle Spielelemente nahtlos ineinander. Bislang unerklärliche Regelungen machten Sinn, und das Spiel wurde erheblich schneller. Vor allem aber entpuppte sich Quinto bzw. Five als ein überaus spannendes und interessantes Spiel. Im folgenden wollen wir daher die wesentlichen Grundzüge klarstellen und zurechtrücken, wobei wir immer wieder auf die veröffentlichten Regeln verweisen, denn ein Abdruck der kompletten Spielregel würde den Umfang dieses Beitrags sprengen.
Das Spielmaterial wird vorbereitet, wie in der Regel beschrieben. Für das Bilden von Fünferreihen gelten ebenfalls die normalen Regeln. Der Startspieler beginnt dann eine Reihe, indem er die oberste Punktekarte zieht, sie offen vor sich ablegt und dann darauf die erste Karte bzw. die ersten Karten einer Reihe legt. Der zweite Spieler zieht die nächste Punktekarte, legt sie vor sich ab und beginnt darauf die nächste Reihe. So geht es weiter. Also besteht eine Reihe immer aus einer Punktekarte und darauf den übrigen Karten. Jede Reihe hat daher ihren eigenen Punktwert!
Wer eine Fünferreihe vervollständigt, darf die darunterliegende Punktekarte an sich nehmen. Dieser Spieler muß dann sofort eine neue Reihe vor sich eröffnen. Erst danach füllt er seine Hand wieder auf fünf Karten auf. Die Verpflichtung, neue Reihen zu eröffnen, hat aber einige Ausnahmen. Legt man eine Fünferreihe "aus der Hand", hat also nach seinem Zug keine Karte mehr, wird keine neue Reihe eröffnet. Wenn der Spielkartenstapel aufgebraucht ist, muß ebenfalls keine neue Reihe eröffnet werden. Als drittes gilt, wenn bereits mindestens so viele Reihen offenliegen, wie Personen mitspielen, darf der Spieler nach der Vervollständigung einer Reihe nicht sofort wieder eine Reihe eröffnen. Ist er später wieder am Zuge, darf er natürlich wieder eine Reihe aufmachen, muß es vielleicht sogar. Denn ein Spieler, der am Zug ist, muß mindestens eine Karte ablegen, wenn er es kann.
Vervollständigt man eine Reihe in späteren Phasen, darf man entsprechend der abgedruckten Regeln dem Spieler, der die Reihe vor sich liegen hat, bereits gewonnene Punktekarten wegnehmen. Freilich darf sich das Opfer aussuchen, welche Karte es abgibt. Das hat einen raffinierten Effekt. Wer viele Reihen erobert, muß auch viele neue Reihen vor sich auslegen und wird so verwundbar für Angriffe.
Gegen Spielende ist es dann besonders spannend. Die Werte der Punktekarten werden immer höher. Zugleich greift jetzt die Regel, daß am Ende die Punktekarten derjenigen Reihen vor einem Spieler für ihn negativ zählen, auf denen nur ein oder zwei Karten liegen, solche mit drei oder vier Karten aber positiv. Nur noch einmal zur Klarstellung: Dies gilt nur für die bei Spielende noch offenliegenden Reihen mit ihren Punktekarten. Alle übrigen Punktekarten, die man zuvor gewonnen hat, zählen natürlich immer positiv. Diese Regel bringt einen oft in die Klemme: Soll man nun eine Reihe vervollständigen, nur um mit der letzten Karte eine neue Reihe zu eröffnen, die dann negativ zählt? Oder ist man gezwungen, eine Karte beim Gegner abzulegen, die dann gar die dritte oder vierte seiner Reihe ist, und so einen sicheren Verlust in einen Gewinn verwandelt?
Das ist im wesentlichen das Spielprinzip nach den Originalregeln. Wer sich ganz genau ans Original halten will, nimmt noch zwei der Spielkarten heraus, die das Wort "Vier" tragen, denn bei Sacksons Original gab es nur zwei Karten davon. Diese Änderung hat aber keinen nennenswerten Einfluß auf das Spielgeschehen.
In der ursprüngliche Fassung ist Quinto bzw. Five eine wahre Perle, eben ein typisches Sackson-Spiel. Hoffentlich gibt ihm der Verlag die Chance einer zweiten Auflage, diesmal aber mit der richtigen Spielregel. Vorsichtshalber sollte man sich dennoch jetzt schon ein Exemplar sichern. Das Spiel hat es wirklich verdient.
Berthold Heß (mit freundlicher Unterstützung von Sid Sackson)