Spielbesprechung
Wenn ein Spielejournalist über eine Messe geht, bekommt er laufend neue Spiele erklärt. Natürlich merkt man sich nur wenige Grundinformationen, wobei man die einzelnen Spielelemente mit bekannten Mechanismen vergleicht. So war ich auf der Spiel '97 überrascht, als Jürgen Reiche mir an seinem Stand der Siebenstein-Spiele ein Spiel erklärte, das ein mir völlig neues Prinzip enthielt, um eine Spielfigur zu schlagen. Das Spiel heißt "Zebulon" und kommt von Herbert Schützdeller, dessen bekannteste Spiele sicher "Caracalla" und "New Orleans Big Band" (Auswahlliste Spiel des Jahres 1990) sind.
Die grundlegende Spielidee ist ganz konventionell: Ein Spielplan von 5 x 5 Feldern wird an jeder Seite um eine weitere Reihe von je fünf Feldern ergänzt. Es gilt nun, die eigenen Figuren so zu setzen, daß eine ununterbrochene Kette zwischen den beiden gegenüberliegenden eigenen Seiten gebildet wird. Als geschlossen gilt eine Kette immer dann, wenn die Steine senkrecht oder waagerecht Kontakt haben, eine diagonale Verbindung reicht nicht aus.
Wie bei vielen abstrakten Spielen hat man auch bei "Zebulon" ein Thema zugrundegelegt. So geht es hier um ein friedliches Turnier zweier Königreiche, das so ausgetragen wird, daß die "Bauern", also die Spielsteine, die Lagerplätze der "Edelleute" verbinden müssen. Jeweils 14 Bauern hat jede Partei, um so eine Kette aufzubauen. Sie werden abwechselnd auf den Plan gesetzt und danach nicht mehr bewegt, außer durch ein sogenannten Duell.
Bald wird es natürlich eng auf dem Spielplan, und die Bauern blockieren sich gegenseitig. Nun kommen die Edelleute ins Spielgeschehen. Sobald nämlich ein Bauer auf ein bereits gegnerisch besetztes Feld gesetzt werden soll, tragen die Edelleute den Konflikt aus, und es kommt zu einem Duell. Hierzu wurde ein Spielmechanismus geschaffen, der meines Wissens völlig neuartig ist. Jeder Spieler verfügt zu Beginn über fünf Edelleute. Sie werden durch Holzklötzchen dargestellt, die man verdeckt vor sich aufbaut. Jeder Edelmann beherrscht einen bestimmten Teil des Spielfelds. Dieser Einflußbereich ist stark an die Zugmöglichkeiten einiger Schachfiguren angelehnt. So beherrscht der Ritter die waagerechten und senkrechten Linien, der Bischof die Diagonalen, die Dame die Geraden und die Diagonalen und der König alle unmittelbar angrenzenden Felder. Neu ist der Hofnarr, zu dem die vier gerade benachbarten Felder gehören.
Findet ein Duell statt, weil ein Bauer auf ein bereits gegnerisch besetztes Feld gesetzt wird, spielen beide Spieler gleichzeitig einen ihrer Edelleute aus. Nun wird überprüft, welche Felder des Plans der jeweilige Edle beherrscht. Dabei nimmt man an, die Edelleute stünden auf dem Feld auf dem das Duell stattfindet. Von dort aus werden die beherrschten Felder festgestellt und gezählt, wieviele eigene Bauern auf den beherrschten Feldern stehen. Besteht ein Unentschieden, werden beide Bauern vom Feld genommen und können später wieder neu gesetzt werden. Ansonsten bleibt der Bauer der siegreichen Partei auf dem umstrittenen Feld stehen. Der Bauer der unterlegenen Seite räumt das Feld und muß auf ein beliebiges freies Feld im Einflußbereich des eigenen Edelmannes gesetzt werden. Ist das nicht möglich, weil alle beherrschten Felder besetzt sind, kommt der Bauer ganz aus dem Spiel.
Dieser Mechanismus ermöglicht einige Taktiken, die sich auf den ersten Blick gar nicht erschließen. Es muß nämlich gar nicht unbedingt darum gehen, ein Duell zu gewinnen. Da einmal gesetzte Bauern nur noch durch ein Duell bewegt werden können, soll oft nur ein ungünstig plazierter Stein auf ein anderes Feld bewegt werden. Bei einem Patt, das natürlich nicht einfach zu erreichen ist, haben beide Spieler in einer folgenden Runde die freie Wahl. Spielt jemand auf eine Niederlage, so muß er beachten, daß der ausgespielte Edelmann auch tatsächlich das Feld beherrscht, auf das er seinen Bauern setzen möchte.
Daher ist man auch bei jedem Duell unsicher, was der Gegner denn wohl plant. Will er gewinnen und setzt die Figur, in deren Herrschaftsbereich sich die meisten Figuren befinden? Oder ist er auf ein Patt bzw. eine Niederlage aus? Das gibt dem Spiel eine besondere Spannung. Ein guter Bluff führt zu einer Schadenfreude, die sonst in abstrakten Zweierspielen eher selten ist. Dieser Spielmechanismus ist nicht nur originell, er funktioniert auch sehr gut.
Nach dem Duell werden die beteiligten Edelleute beiseite gelegt und können zunächst nicht wieder eingesetzt werden. Erst wenn alle Edelleute einmal eingesetzt wurden, werden sie wieder auf die Hand genommen, diesmal jedoch ohne die Dame, die ganz aus dem Spiel ist. Bei jeder Neuaufnahme scheidet so eine weitere Figur aus. Damit ist die Dauer einer Partie überschaubar, denn länger als 30 Minuten wird sie nur bei sehr entscheidungsschwachen Spielern dauern. Das Spiel endet, sobald alle Bauern gesetzt sind. Besteht zu diesem Zeitpunkt, nicht etwa früher (!), eine Verbindung der beiden eigenen Seiten, gewinnt man. Ansonsten gewinnt derjenige, der die größte verbundene Gruppe von Bauern besitzt. Diese Siegbedingungen halten das Spiel bis zum letzte Moment spannend.
"Zebulon" ist sehr gut ausgestattet. Gespielt wird auf einer bedruckten Filzmatte, als Bauern dienen kleine Holzzylinder und als Edelleute bedruckte Holzplättchen. Die Spielregel läßt keine Fragen offen und wird durch ein Blatt mit Beispielen und je einem Übersichtsblatt der Herrschaftsbereiche der Edelleute für jeden Spieler ergänzt. Verpackt ist das Ganze in ein nettes Holzkistchen. Damit ist wirklich ein gutes Preis-/Leistungsverhältnis gegeben.
Rätsel gab mir zunächst der Titel des Spiels auf. Intensive Recherche förderte lediglich Zebulon Montgomery Pike (1779 - 1813) zutage, einen amerikanischen Forscher und Soldaten. Der konnte aber wohl kaum der Namensgeber sein. Aber dann erinnerte ich mich natürlich noch an ferne Kindertage, als es die Sendung "Das Zauberkarussell" gab, wo eine Figur namens Zebulon auf einer Spiralfeder mit dem Spruch " Turnikudi, Turnikoda, Zebulon ist wieder da!" ins Bild hüpfte. Und tatsächlich hat der Autor den Titel dort entlehnt, weil er einen weitgehend unbekannten Phantasienamen suchte. Auch die Erfindung des interessanten Duellprinzips hat ihre Geschichte.
Lassen wir Herbert Schützdeller selber berichten: "Bei der Entwicklung des Spiels war ich in einem Stadium, wo die Schachfiguren eine Wertigkeit haben, um zu bestimmen, wer wen schlägt. Aber dieser Mechanismus war nicht besonders befriedigend.
Da besuchte ich eines Tages einen Freund, der einen Schachfreund zu Besuch hatte. Sie analysierten gerade als ich kam eine Stellung. Immer wieder zogen sie Figuren zum Schlagen auf ein Feld, brachen dann ihre Überlegungen ab, und zogen die Figur zurück. Dieses Hin und Her der Figuren faszinierte mich mehr als die eigentliche Problematik der Stellung, da ich kein großer Schachfreund bin.
3 Tage später war der Schlagmechanismus geboren und gab dem Spiel eine unglaubliche Dynamik. In den ersten Partien wurden nur gegen Ende des Spiels ein paar Duelle ausgetragen, aber je mehr Partien gespielt wurden, um so früher wurden Duelle ausgetragen. In Partien mit meinem `Spezi` wird manchmal schon der 2. oder 3. Bauer angegriffen."
Diese Erfahrungen haben wir ebenfalls gemacht. Zunächst kam es nur in der Endphase des Spiels zu einigen wenigen Duellen, später folgte ein Duell auf das andere. Welche Strategie sinnvoller ist, vermag ich bis jetzt nicht festzustellen.
In jedem Fall ist "Zebulon" ein gelungenes Beispiel für ein kleines, schnelles Taktikspiel. Dennoch ist diese Spielidee von fast einem Dutzend Verlagen abgelehnt worden, zumeist mit der Begründung "2-Personenspiele verkaufen sich nicht." oder: "Paßt nicht in unser Programm." Schön, daß Jürgen Reiche mit seinem Kleinverlag Siebenstein-Spiele "Zebulon" eine Chance gegeben hat.
"Zebulon" von Herbert Schützdeller, Gestaltung Jürgen Reiche. 2 Spieler ab ca. 12 Jahren, Spieldauer ca. 30 Minuten. Preis 35 DM im Fachhandel oder mit zusätzlich 7 DM Porto/Verpackung bei Siebenstein-Spiele Jürgen Reiche, Bruchfeldweg 6, 48161 Münster, Tel.: 0251/869876.
Berthold Heß
peterthomassuschny <mr.60er@r60.net> 11.05.2002 13:59:
Zebulon, das Zauberkarussell, englisch "The magic roundabout", GB 1965 - 1970, über www.amazon.uk konnte ich eine 80-Minuten-Folge erst kürzlich erwerben.
Beste Grüße
pts
Nickname Zebidee, so heißt Zebulon auf Englisch
www.r60.net
We are the sixties :-))