Spielbesprechung

Anno 1452

Regelfragen, Korrekturen, Tips und Zusätze

Anno 1452 Das SpielDer Spielplan zeigt die Landkarte Europas im Spätmittelalter. 16 Regionen bilden die Plattform, auf der die Spieler ihre Machtgelüste ausleben können. In jeder Region kann eine bestimmte Anzahl Bauern und Bürger angesiedelt und können Städte gegründet werden. Zusätzlich sind auf dem Spielplan drei Anzeigetafeln abgebildet. Eine Zeittafel dokumentiert den Spielfortschritt und die einzelnen Spielphasen, eine Prestige-Tabelle das erworbene Prestige jedes einzelnen Spielers und eine Anzeigeleiste gibt Auskunft, in welcher Reihenfolge die Spieler am Zug sind.

Bei Beginn des Spiels ist jeder Spieler bereits in zwei benachbarten Gebieten mit einer Handvoll Bauern vertreten. Wo er diese einsetzt, bleibt ihm selbst überlassen. Damit haben wir also schon eine Ausgangssituation, die von Partie zu Partie anders aussehen wird.

Anno 1452 KartenmotivEin Spielzug markiert einen Zeitabschnitt im Spätmittelalter. Er besteht aus mindestens einer, höchstens drei Aktionsrunden (wie viele stattfinden, entscheidet der Würfel) und einer Ergebnisrunde, in der die Auswirkungen der vorangegangenen Aktionen abgewickelt und die nächste Epoche (= Spielrunde) vorbereitet wird.

Die Aktivitäten, die ein Spieler in einer Aktionsrunde entwickeln kann, sind wahnsinnig vielfältig. Das Problem: pro Runde ist immer nur eine Aktion erlaubt und jeder steht vor der Qual der Wahl, welche in der gegenwärtigen Situation denn nun die richtige für ihn ist.

Anno 1452 KartenmotivBeispielsweise kann er weitere Bauern auf den Spielplan setzen. Bauern werden durch Besitzsteine dargestellt, die immer gleich mehrere Bauern repräsentieren. Damit können also bisher herrenlose Regionen in Besitz genommen werden, es können aber durchaus auch verschiedene Spieler ein und dieselbe Region "in Besitz" haben.

Sobald sich Bauern in einem Gebiet befinden, können auch Bürger angesiedelt werden. Beide erhöhen des regelmäßige Einkommen des Spielers und seine Kampfkraft. Doch zu den kämpferischen Aspekten kommen wir später, bleiben wir zunächst noch friedlich.

Für die weiteren Aktivitäten brauchen Sie entsprechende Aktionskarten auf der Hand und davon gibt's die unterschiedlichsten Sorten im Spiel.

Anno 1452 KartenmotivSie können einem Besitzstein das Stadtrecht verleihen. Auch damit erhöhen Sie Ihr Einkommen, erhalten zusätzlichen Siedlungsraum für weitere Bürger und stärken Ihre Verteidigungskraft.

Sie können sich vermählen. Die heiratswilligen Damen stellen allerdings die unterschiedlichsten Ansprüche, bevor sie ihr Ja-Wort geben. Wenn Sie die nicht erfüllen können, dann wird's nichts mit der Ehe. Klappt's aber doch, dann kommen Sie in den Genuß einer lohnenden Mitgift, die Ihnen zusätzliche Besitztümer beschert. Allerdings sind diese Vernunftehen immer nur von kurzer Dauer und am Ende des Spielzugs stehen Sie wieder allein da. Und damit Sie nicht auf dumme Gedanken kommen: Vielweiberei ist nicht erlaubt! Dies ist ein ehrenhaftes Spiel!

Anno 1452 KartenmotivWeitere Karten bescheren Ihnen einen Titel oder eine Erbschaft. Mit anderen können Sie außer der Reihe ins Spiel eingreifen. Kurz gesagt: die Spielmöglichkeiten sind - wie oben schon einmal gesagt - ausgesprochen vielfältig.

Ziel des Spiels ist, der mächtigste Herrscher zu werden. Ein weiteres Mittel, dieses Ziel zu erreichen, sind Angriffe auf gegnerische Besitztümer - ebenfalls eine der Aktionsmöglichkeiten pro Spielzug. Dazu greift ein Besitzstein einen fremden Besitzstein an, entweder im selben oder einem benachbarten Gebiet. Zur Kampftruppe gehören - neben den Bauern, die ein Besitzstein ja repräsentiert - auch alle assoziierten Bürger. Jede dieser Figuren hat einen eigenen Würfel, jede erzielt einen Treffer bei einem bestimmten Ergebnis, wobei die Bürger zielsicherer sind als die Bauern.

Die Kampfhandlungen werden fortgesetzt, bis nur noch eine Partei übrig bleibt. War der Angreifer erfolgreich, übernimmt er den eroberten Besitz. Und wer die Mehrheit in einer Region besitzt, erhält eine entsprechende Besitzkarte, die ihm auch zu mehr Prestige verhilft. Prestige-Punkte gibt's im übrigen auch bei diversen anderen Gelegenheiten.

Anno 1452 KartenmotivAm Ende der zweiten Epoche wird erstmals ein König gewählt. Nun ja, "gewählt" ist eigentlich nicht richtig: Getreu der Historie wird der Spieler mit den wenigsten Besitzsteinen mit den Privilegien des Königs ausgestattet. Sie bringen ihm zusätzliche Prestige-Punkte und Aktionskarten. Er darf sich aussuchen, an welcher Stelle der Spielreihenfolge er am Zug sein möchte (für die anderen bestimmt die Anzahl ihrer Prestige-Punkte die Reihenfolge). Und er erhält ein Heer aus 12 Söldnern, mit denen er in beliebigen Regionen angreifen kann, also nicht nur von einem eigenen Besitzstein aus.

Das war in ganz groben Zügen der Spielablauf von Anno 1452. Auf alle Feinheiten (zum Beispiel, daß es auch einen Gegenkönig gibt), kann ich hier nicht eingehen, die zu entdecken, überlasse ich Ihnen. Das Spiel endet im letzten Jahr auf der Zeitskala. Dann gibt es Siegpunkte für Besitztümer, Geld und Prestige und der Spieler mit dem besten Endergebnis wird zum Kaiser gekrönt.

Anno 1452 KartenmotivÜbrigens kann das Spiel auch früher beendet werden, falls einem Spieler sonst der letzte Bus vor der Nase wegfährt. Entweder einigen Sie sich von vornherein auf eine verkürzte Partie, oder Sie entscheiden während des Spiels, daß vorzeitig Schluß sein soll. Erstaunlicherweise funktioniert das hier ganz gut.

Ich gebe zu, ich bin bei der Beurteilung dieses Spiels nicht ganz unparteiisch, weil ich in enger Zusammenarbeit mit Gerhard Kodys, zusammen mit seiner Frau Elisabeth Autor von Anno 1452, in nächtelangen Sitzungen die Spielanleitung zu Papier gebracht habe. Anno 1452 KartenmotivTrotzdem sei's gesagt: Der Wiener Spielkartenfabrik Piatnik ist im Jahr ihres 175-jährigen Jubiläums ein wahres Highlight gelungen, vielleicht sogar das beste Spiel, das die Österreicher je auf den Markt gebracht haben.

Die Länge der Spielanleitung mag abschrecken, doch das Spiel ist nicht so komplex, wie es den Anschein hat. Nur gab es so viele Details bei den unterschiedlichen Aktionsmöglichkeiten zu erklären, daß das halt alles zu Papier gebracht werden mußte. Doch sind alle Aktivitäten in sich logisch. Wer einmal weiß, was er wann wie und mit welcher Karte unternehmen kann, braucht die Anleitung nicht mehr.

Anno 1452 GesamtschauDie bemerkenswerte Vielfalt ist es, die diesem Spiel seinen Reiz verleiht. Die unterschiedlichen Spielmöglichkeiten führen zu immer neuen Situationen. Wem dies alles noch nicht ausreicht, der findet über das Basisspiel hinaus noch eine Zusatzregel, die "Handel und Absprachen" ins Spiel bringt, also Verhandlungen zwischen den Spielern erlaubt. Und wenn Sie nur zu zweit sind, nehmen Sie Ottokar mit ins Spiel, einen fiktiven Spieler, dessen Figuren den Spielplan besetzt halten.

Meine Empfehlung:
Unbedingt kaufen!

Anno 1452 von Gerhard und Elisabeth Kodys, Illustration: Simon Roberts, 2-4 Spieler, Spieldauer ca. 60-120 Minuten, Piatnik (1999), Preis ca. 69 DM.

Knut-Michael Wolf


Gustav der Bär <peter-gustav.bartschat@weltbildplus.de> 18.11.2000 10:52:

"Anno 1452" gehört inzwischen zu meinen Lieblingsspielen, wenn es auch dem Spieler am Anfang nicht ganz leicht gemacht wird, es lieb zu haben.

Das Titelbild der Schachtel lässt hohe Erwartungen an die Grafik entstehen, die durch das Design des Spielbretts und der Abbildungen auf den Karten nicht recht erfüllt werden. Die Regel erfordert ein genaues und nach den ersten Spielen wiederholtes Studium, um sich alle zum Spielen notwendigen Geheimnisse entlocken zu lassen.

ABER DANN!

Von dem Augenblick an, in dem man die Regeln beherrscht und die optischen Äusserlichkeiten den Spielspass nicht mehr überlagern, entschlüpft - man gestatte mir die Floskel - der formalen Raupe ein wunderschöner strategischer Schmetterling.

Die Vielfalt der Aktionsmöglichkeiten kontrastiert und harmonisiert zugleich mit dem Druck, sich nur für wenige entscheiden zu können. Das vermittelt bald das angenehme Simulations-Gefühl, wirklich ein mittelalterlicher Fürst zu sein, dem bei den hohen Zielen, die er sich für seine Dynastie und sein Land gesetzt hat, seine beschränkte Lebenszeit hindernd im Weg steht.

Hat man das Glück, "Anno 1452" in einer Vierer-Runde zu spielen, in der alle Spieler bereit sind, sich auf dieses Gefühl einzulassen, steckt man schnell in einer Welt voller Verrat und Kampf aber auch Verträge und Kooperation steckt - einschließlich Intrigen zweier Spieler, die sich "zufällig" in der Küche beim Kaffeeholen getroffen haben.

Ein bisschen tragisch ist es, dass "Anno 1452" das schlimmste zustieß, was einem Spiel überhaupt zustoßen kann: Es geriet an einen Verlag, in dem man sein Potential nicht erkannte, und daher blieb ihm der verdiente ganz große Erfolg versagt - und wohl auch die Erweiterungen, die man sich gut vorstellen und noch besser wünschen kann.

Der Empfehlung "unbedingt kaufen" kann sich nur anschließen ...
... Gustav der Bär

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