Leserbeitrag
Attila von Karl-Heinz Schmiel, 2-5 Spieler, Hans im Glück (2000), Preis ca. 45 DM.
Ingo Kasprzak <silfire@bigfoot.de> 06.11.2000 12:21
Das große, neue Spiel von Hans-im-Glück zur Spiel 2000 in Essen trägt den Namen "Attila" und ist von Karl-Heinz Schmiel (u.a. Die Macher). Während der Name des Spiels Eroberung und Kampf erahnen lässt, lassen Autor und Verlag Qualität erahnen.
Und so ist es dann auch, was zumindest den ersten Blick in die Regeln und das vorgefundene Spielmaterial angeht. Wenn man das Material vor sich auf dem Brett ausbreitet, findet man viele, viele "Truppenpöppel" aus Holz in verschiedenen Farben, pro Spieler (2-5) sieben Wertungssteine, einen Satz Spielkarten, einen Haufen Plättchen aus Pappe in verschiedenen Größen und – zu meiner großen Überraschung – zwei Spielbretter! Das eine Spielbrett zeigt ein sehr gelungene und zum Thema passende Karte von Südeuropa samt Mittelmeer samt einer Wertungsleiste ("Kramerleiste" ;-) , versehen mit entsprechenden Grenzen, das zweite Spielbrett zeigt eine Wertungstafel mit 6 Spalten in den Farben der Truppen/Germanenvölker. Genau diese Farben sind es leider, die von Beginn an für Verwirrung sorgen. Die Wertungssteine der Spieler werden nämlich auf die Wertungsspalten des zweiten Spielbretts verteilt – plus einen auf die "Kramerleiste". Die Farben der Spieler haben letztendlich nichts mit den Farben der Germanenvölker zu tun, sondern zeigen nur den Einfluss der jeweiligen Spielerfarbe an der jeweiligen Truppenfarbe an. Dummerweise sind Truppenfarben und Spielerfarben größtenteils identisch (blau, grün, rot und gelb). Wenn Spieler "Grün" also mehr Einfluss am gelben Germanenvolk bekommt, ziehe ich auch heute noch ab und zu versehentlich den gelben Stein auf grün weiter, statt umgekehrt. Hier hätte Hans-im-Glück ruhig etwas mehr investieren und die Wertungssteine in anderen Farben herstellen können.

Das in 4 Phasen (Jahrhunderte) eingeteilte Spiel selbst hat ganz simple Regeln, die ich nachfolgend zusammenfassen möchte (kein Anspruch auf Vollständigkeit!), damit Sie einen Eindruck vom Spiel bekommen. Man spielt im Uhrzeigersinn. Immer wenn man am Zug ist, spielt man eine seiner 6 Handkarten (die ebenfalls die Farben der Truppen haben) und setzt einen entsprechenden Truppenpöppel aufs Spielfeld. Hierbei gilt: Die Spieler fallen von Norden her in Südeuropa ein und dürfen die Spielsteine nur in Regionen stellen, in denen sich entweder schon Truppen der gleichen Farbe befinden oder in eine daran angrenzende Region. Gleichzeitig gewinnt man auf der zur Truppe gehörenden Wertungsleiste (zweites Spielbrett) mehr Einfluß am entsprechenden Germanenvolk. Man zieht also dort seinen Wertungsstein ein Feld weiter. Anschließend füllt man seine Hand wieder auf 6 Karten auf und ist fertig.
Das geht so lange gut, bis in einer Region 5 Truppen – egal welcher Farbe – stehen. Dann kommt es nämlich sofort zum Konflikt. Beim Konflikt fliegt die schwächste Truppenfarbe aus der Region und sie (die Region) gilt als befriedet, darf also im weiteren Verlauf des Spiels nicht mehr verändert werden. Vor der Befriedung darf jeder Spieler noch einmal die in der Region vorhandenen Truppen unterstützen, indem er Karten in den entsprechenden Farben spielt. So kann es auch mal passieren, dass das am stärksten in der Region vertretene Germanenvolk das Land verlassen muss.
Immer wenn ein Jahrhundert rum ist (das ist im ersten Jahrhundert direkt nach der ersten Befriedung, im zweiten Jahrhundert nach zwei weiteren Befriedungen usw.) kommt es zur Wertung. Hier bekommt, immer der, der den meisten Einfluss an einem Volk hat, so viele Punkte auf der "Kramerleiste", wie Truppen des Volkes auf der Europakarte stehen. Der mit dem zweitmeisten Einfluss bekommt einen Punkt für jede Region, in denen Truppen der entsprechenden Farbe stehen. So zählt man alle sechs Völker durch. Anschließend geht es direkt im nächsten Jahrhundert weiter – und in jedem Jahrhundert gibt es einen Einflusspunkt mehr pro eingesetzter Truppe! Wer nach vier Jahrhunderten auf der "Kramerleiste" vorne steht, hat gewonnen.
Trotz dieser simplen Regeln hat man ein sehr, sehr schönes und taktisches Spiel vor sich, welches viele verschiedene Strategien erlaubt, die zum Gewinn führen können. Zuerst meint man zwar, man muss das richtige Kartenglück haben, um zu gewinnen, man kann aber oft scheinbar unbrauchbare Karten zum Nachteil der Mitspieler spielen, auch wenn man selbst keinen direkten Vorteil davon hat. Außerdem hat man unter anderem einmal pro Spiel die Gelegenheit, beliebig viele Karten zu tauschen (falls es mal ganz dumm läuft! – übrigens darf jeder Spieler auch einmal in seinem Spiel ZWEI Karten/Truppen spielen und einmal 2 Einflusspunkte bei einem beliebigem Volk einsetzen).
Auch die bekannten Spielmechanismen tun diesem guten Eindruck keinen Abbruch, da sie schlicht und einfach sehr gut kombiniert sind.
Mit diesem Spiel hatte ich bisher in drei völlig verschiedenen Runden (3-5 Spieler) immer Spaß und bisher waren alle Mitspieler begeistert von diesem gelungenen, und kurzweiligen Spiel (na ja, bis auf Einen, der meinte "geht so"!) - pro Partie muss man übrigens nur 45-60 Minuten einplanen. Zu zweit dürfte das Spiel ebenfalls nett sein - aber eben nur nett, wie das halt bei großen Brettspielen im allgemeinen so ist.
Ob es für eine Nominierung zum Spiel des Jahres reicht, möchte ich nicht entscheiden wollen. Unsere nächsten Partien sind aber bereits geplant!
Stefan Materne <stefanmaterne@gmx.de> 27.12.2003 14:00:
Als gelungenes Strategiespiel, indem man sich eine nette Taktik ausdenken, verfolgen und hoffentlich zum Erfolg führen kann kann, entpuppt sich Attila nicht! Das Spiel beginnt und bleibt träge, und man hat als einzelner Spieler viel zu wenig verschiedene Möglichkeiten etwas zu unternehmen: lediglich Spielsteine auf das Spielbrett setzen, weshalb die Anleitung allerdings kurz und leicht zu lesen ist.
Das Spiel hat zwar ein sehr schön gestaltestes Spielbrett, aber schon die zu groß geratenen Holz Spielsteine stören ein wenig die Übersicht im Spiel. Ich habe es zugegebener Maßen noch nicht häufig gespielt und bin vielleicht einfach zu dumm die strategischen Möglichkeiten des Spieles zu erfassen, aber keiner in unseren Spielrunden hatte je den Eindruck mal Aktiv das Spielgeschehen beeinflussen oder eine taktische Idee über mehrere Runden verfolgen zu können. Für mich ist das Spiel wegen der minimalen Handlungsmöglichkeiten ein absoluter Flopp, besonders zu zweit extrem langweilig und die einzige Freude ist es zu sehen, wer es als erster schafft das Spiel endlich zu beenden.