Leserbeitrag
Carcassonne von Klaus-Jürgen Wrede, 2-5 Spieler, Hans im Glück (2000), Preis ca. 30 DM.
Dr. Arne Claussen <claussen@mail.wz.nrw.de> 07.11.2000 09:14
Endlich mal ein Spiel, bei dem die angegebene Spielerzahl von "2 bis 5" nicht nur Verkaufsstrategie der Marketingabteilung ist, um von den einsam-zweisamen spieledurstigen Eltern ohne Babysitter bis hin zur großen Spielerunde alle potentiellen Kunden abzugrasen. Bei diesem einfachen und vielseitigen Legespiel steht bei jeder Spielerzahl eine vergnügliche und spannende Partie bevor!
Doch genug der Lobreden über etwas, was zunächst beschrieben gehört!

Carcassonne ist im Mittelalter angesiedelt. Es geht darum, mittels quadratischer Kärtchen eine Landschaft entstehen zu lassen. Die Kärtchen zeigen verschiedene Landschaftselemente: Stadtabschnitte, Straßenteile, Klöster und Felder in verschiedenen Kombinationen.
Der Zug jedes Spielers ist schnell erklärt: Verdecktes Landschaftskärtchen ziehen, passend anlegen - keine toten Straßen bilden, Städte von allen Seiten mit Stadtmauern begrenzen - und am Schluß optional einen von sieben Gefolgsmännern auf die gerade gelegte Karte setzen.
Wo das Gefolge landet bestimmt auch gleich deren Beruf: Städte formen Ritter, Klöster Mönche, Straßen Wegelagerer und Felder schließlich Bauern. Entstehen beim Legen abgeschlossene Gebiete, also etwa eine von allen Seiten begrenzte Stadt, so gibt es Punkte für denjenigen, der in Gebiet einen Gefolgsmann stehen hat. Städte bringen während des Spiels potentiell die meisten Punkte (je zwei pro Kärtchen), Straßen eignen sich für die schnellen Punkte zwischendurch, Klöster sind irgendwo dazwischen. Ist das Gebiet abgerechnet, kommt der Gefolgsmann vom Spielfeld wieder in den Vorrat und kann schon beim nächsten Mal vom Ritter zum Wegelagerer werden - sind die Unterschiede eigentlich je groß gewesen ...? Eine Sonderrolle haben die Bauern: Sie werden nur einmal am Spielende abgerechnet und erzielen vier Punkte für jede vollendete Stadt, die direkte Verbindung zu ihrem Feld hat. Der Bauer ist somit, früh eingesetzt, lange totes Kapital, kann aber tendenziell am Ende viele Punkte bringen.
Ach ja, das Ende: Ist das letzte Kärtchen gelegt, werden noch alle unfertigen Gebiete abgerechnet. Offene Städte bringen dann allerdings nur noch die Hälfte der Punkte.
Da jeder sein Plättchen an beliebiger Stelle anlegen darf - es muß nur passen -, kommt es zum taktischen interagieren mit den Mitspielern. Dann wird schon mal schnell eine gegnerische Stadt vorzeitig abgeschlossen, damit der Kollege nicht zu viele Punkte einsackt. Oder vielleicht versucht man an einer Stadt zu partizipieren, indem man in die Nähe eines besonders fetten Exemplars im Bau ein neues Stadtkärtchen legt, mit einem Ritter besetzt und versucht, dies im weiteren Verlauf durch zusätzliche Stadtkärtchen an die große Stadt anzuschließen. Ein direktes Anlegen an existierende Städte geht aber nicht, da paßt der Besitzer schon auf!
Je nach Spielerzahl ändert sich die Strategie. Zu zweit kann man gut einmal dem Mitspieler ins Handwerk fuschen. Zu viert oder fünft hat man wegen der begrenzten Zahl an Landschaftskärtchen dagegen genug damit zu tun, mit jedem Zug möglichst für sich selbst lukrative Gebiete abzustecken.
Und wenn nicht der einfache Mechanismus, die Variabilität und Interaktion, die taktischen Möglichkeiten und der günstige Preis schon genug wären: Carcassonne ist auch noch eine Augenweide, die den Pinselstrich von Doris Matthäus klar erkennen läßt. Am Spielende hat man eine hübsche Landschaft vor sich, die zwar, käme sie aus dem Mittelalter, wohl noch einige Wälder und Flußläufe bräuchte. Aber so gibt es ja noch Raum für die heute so beliebten Erweiterungssätze: "Carcassonne - Holzfäller und Flößer".
Zusammengefaßt war Carcassonne für mich die Entdeckung der Spiel 2000 - unbedingte Kaufempfehlung!
Irene Egli <irene.egli@bluemail.ch> 01.12.2000 15:07:
Ich kann dem Spielebschrieb von Carcassonne nur zustimmen. Ein wirklich schönes Spiel welches man auch "nichtfreaks" zumuten kann. Unbedingt kaufen, oder auf Weihnachten schenken lassen.
Ronald Hoekstra <spelmagazijn@planet.nl> 18.12.2000 13:23:
Ich habe gestern eine Variante für Carcassonne gespielt die mir gut gefallen hat.
Statt einen Figur zu plazieren auf den gelegten Tile, darf nur auf liegende Tiles plaziert werden und nur auf noch nicht komplette Strassen/Gebäude usw. wie die normale Regeln. Auf diese Weise sind die Kloster nicht zu stark und ist es nicht nötig eine Stadt von 2 Tiles nur 2 Punkte zu geben. Es macht das Spiel noch spannender und mehr balanziert. Ich kann es jeder anbefehlen.
Axel Bungart <ab.fakir@gmx.de> 11.12.2001 13:52:
Carcassonne (Kommentar)
Das Spiel des Jahres 2001 ist ein unterhaltsames Spiel, das tatsächlich auch zwei Spielern den vollen Spielgenuß zugute kommen läßt. Das Spielprinzip ist einfach, die Regel eindeutig und klar gegliedert. Wie bei einigen anderen Spielen schon, macht es auch bei Carcassonne Spaß, den wachsenden "Spielplan" zu beobachten. Neben seinen eigenen Zielen sollte man auch die der/s Gegner/s nicht außer Acht lassen. Dies ist insbesondere für die Bauern dringend zu empfehlen, da es ansonsten bei der Schlußwertung, bei der die Bauern schließlich bewertet werden, böse Überraschungen geben kann.
Doch eine Frage muß erlaubt sein: was an diesem Spiel ist eigentlich neu? Hat nicht Goldsieber vor Jahren schon das weder in Graphik noch Ausstattung zurückstehende Spiel "Entdecker" herausgebracht, das genau dieselben Idee, die gleichen Spielmechanismen und nicht zuletzt den gleichen Spielspaß bietet? Marginale Unterschiede sind zu erkennen. Bei "Entdecker" braucht man Gold, um Plättchen zu kaufen und anzubauen, und eine Art Zufallsgenerator sorgt dafür, daß man diesbezüglich nicht so schnell auf dem Trockenen liegt. Doch (ein) Plättchen zu ziehen, dieses anzulegen und darauf einen Soldaten, einen Mönche statt einer Siedlung oder einem Fort zurückzulassen, bedeutet nicht gleich, ein neues Spiel entwickelt zu haben. Ist das jetzt Zufall?
Um nun allen, denen ob einer barschen Kritik der Bissen im Halse stecken geblieben ist, gerecht zu werden: Carcassonne ist trotzdem ein unterhaltsames Spiel! Aber beides braucht man sicher nicht. Und warum Carcassonne den Titel erhalten hat, während "Entdecker" noch nicht mal auf der Auswahlliste stand, wird wohl dem Geist der Zeit zuzuschreiben sein.
Dr. Arne Claussen <claussen@mail.wz.nrw.de> 11.12.2001 19:01:
Ein kleiner Kommentar zu Axel Bungart:
Es mag zwar sein, dass man auch bei "Entdecker" verdeckte Landschaftskarten zieht und diese dann auch noch offen an den Spielplan ansetzt, und dann kommen auch gleich noch Spielfiguren hinzu, die auf die Spielkarten gesetzt werden. Aber aus diesen Parallelen gleich zu schließen, dass von Carcassonne ja schon alles mal dagewesen ist halte ich dann doch übertrieben - das klingt ja fast so, dass man jedes Spiel, bei dem Sechseckfelder auftauchen, gleich als einen Siedler-Klone klassifiziert.
Carcassonne unterscheidet sich mit einigen entscheiden Faktoren von "Entdecker": Carcassonne ist wesentlich dynamischer, da - mal abgesehen von den Bauern - die Figuren reingesetzt und auch schnell wieder rausgenommen werden, wenn man einen bestimmten Bereich (Kloster, Straße, Stadt) wertet. Bei den Entdeckern kann es sich viel länger hinziehen, bis Figuren wieder ins Spiel kommen. Carcassonne weist die verschiedenen "Berufe" auf, mit denen eine unterschiedliche Strategie ins Spiel kommt und was insbesondere beim Ritter in der Stadt immer wieder zu taktischen Überlegungen führt, ob man die Stadt nun noch weiterbaut und lieber abrechnet, um nicht am Schluss nur auf der Hälfte der Punkte festzusitzen. Und es kommt nur selten zu einer "Hochrüstung" in bestimmten Bereichen, da es schwierig ist, getrennte Bereiche zusammenzuführen. Dann ärgert man schon lieber den Mitspieler und setzt so, dass sein Bereich möglichst nicht fertig zu bauen ist (auch hier insbesondere im Bezug auf die Städte).
Und wenn man dann noch die - guten - vorgeschlagenen Varianten hinzunimmt, dass vielleicht die zu verbauende Karte aus einer offenen Auslage genommen wird, reduziert sich das Glückselement erheblich - und man behält trotzdem ein Spiel, was überschaubar bleibt, vor allem auch hinsichtlich der Länge.
Ja, ich glaube, die Länge ist einer der entscheidenden Faktoren: Carcassonne ist für die Idee und die Einflussmöglichkeiten, die die Spieler haben, genau angemessen, und man kann sogar noch eine Revanche spielen. Bei den Entdeckern hat mich häufig gestört, dass sich das Spiel doch ziemlich zieht.
Von daher kann ich die Einschätzung von Axel Bungart nicht teilen, dass man nur eines von beiden Spielen braucht, weil sie sich so ähneln. Auf die Entdecker könnte ich gut verzichten, auf Carcassonne dann doch nicht mehr.
Martin Storbeck <mail@m-storbeck.de> 20.01.2004 14:09:
Ich bin innerhalb weniger Wochen zu einem echten Fan geworden. Selbst meine Schachtel habe ich nach einigen Erweiterungen ersteinmal den neuen Bedingungen angepasst. Seht es euch an:
http://www.carcassonne-city.de.vu