Zwei Jubiläen, ein Spiel:
60 Jahre Bundesrepublik Deutschland, 20 Jahre Mauerfall
"Deutschland, einig Siedlerland", so titelte 1998 die Süddeutsche Zeitung in einem großen Artikel über das Phänomen der "Siedler von Catan" in Deutschland. Jetzt, zehn Jahre später, kann das vereinte Deutschland wirklich nach allen Regeln der Spielkunst besiedelt werden. Vor dem Hintergrund des sechzigsten Jahrestag der Gründung der Bundesrepublik Deutschland (1949) und dem zwanzigsten Jahrestag der Öeffnung jener Mauer (1989)), die Deutschland über viele Jahrzehnte hinweg geteilt hatte, erscheint nun die große "Siedler von Catan - Deutschland-Edition".
Aus der prachtvollen Ausstattung des Spiels ragen zwölf detailgetreu modellierte Wahrzeichen bzw. Baudenkmäler geschichtsträchtiger deutscher Städte im wahrsten Sinne des Wortes heraus.

Die Deutschlandkarte, von Michael Menzel wunderschön illustriert, ist aus Landschaftsfeldern und Feldern mit bedeutenden deutschen Städten zusammengesetzt. In den Landschaften werden die Rohstoffe Holz, Wolle, Lehm, Erz und Getreide gewonnen. Die Rohstoffe werden benötigt, um Straßen zu bauen und Rathäuser oder Wahrzeichen zu errichten.
Vor jeder Runde wird ermittelt, welche Landschaften Erträge abwerfen. Das geschieht mit 2 Würfeln. Wird also zum Beispiel eine "3" gewürfelt, werfen alle Landschaften, auf denen die Zahl 3 steht, Erträge ab.
Um in den Genuss eines Ertrages zu kommen, muss man ein Rathaus an der Landschaft mit der gewürfelten Zahl besitzen. Zu Beginn des Spiels hat jeder schon 3 Rathäuser - also können Erträge von Anfang an sprießen. Und wenn mal nicht die richtigen dabei sind, auch nicht schlimm - schließlich dürfen die Rohstoffe nach Herzenslust gehandelt werden.
Der Bau von Straßen kostet pro Straßenabschnitt je ein Holz und Lehm und dient dazu, Stadtfelder zu erreichen, auf denen Rathäuser oder Wahrzeichen errichtet werden können.
Jedes Rathaus kostet jeweils ein Holz, Wolle, Lehm, Erz und Getreide und zählt einen Siegpunkt. Drei Siegpunkte besitzt somit jeder Spieler zu Spielbeginn.

Eine Sonderstellung in der "Deutschland-Edition" nehmen die zwölf detailliert modellierten Wahrzeichen ein, die jeweils gegen Abgabe von zwei Erz und einem Weizen erbaut werden können. Im einzelnen handelt es sich um den Kölner Dom, die Wartburg bei Eisenach, das Holstentor in Lübeck, die Porta Nigra in Trier, die Nürnberger Burg, den Bremer Roland, den Braunschweiger Löwen, die Dresdener Frauenkirche, das Freibürger Münster, die Münchener Frauenkirche, die Frankfurter Paulskirche und natürlich auch das Brandenburger Tor in Berlin.
Anstelle der von Catan her bekannten "Räuber" treibt in der "Deutschland-Edition" ein streitbarer und von Geheimrat Goethe unsterblich gemachter fränkischer Reichsritter namens Götz von Berlichingen sein Unwesen.
In zahlreichen Städten der Deutschland-Edition können "nur" Rathäuser gebaut werden, nicht aber die Wahrzeichen dieser Orte. Und natürlich könnten sich nun die Hamburger fragen, warum ihr Michel nicht mit von der Partie ist, die Heidelberger werden ihr Schloss vermissen, die Aachener ihren Dom, die Ulmer ihr Münster, die Würzburger ihre Residenz und insbesondere die Stuttgarter mögen sich wundern, dass auch sie leer ausgehen, obwohl doch der KOSMOS-Verlag, in dem das Spiel erscheint, ein Stuttgarter Urgestein ist.
Ausschlaggebend für die Entscheidung, wo Wahrzeichen gebaut werden können, war in erster Linie ein spieltechnischer Grund. Die in Frage kommenden Wahrzeichen mussten einerseits möglichst gleichmäßig über ganz Deutschland verstreut liegen und durften andererseits auch nicht zu eng beieinander stehen.

"Die Siedler von Catan - Deutschland-Edition" entfaltet einen ganz eigenen Spielreiz, der dem legendären Basisspiel in nichts nachsteht; gleichzeitig sind die Regeln des Spiels kürzer und eher noch schneller erfassbar als die "ur-catanischen".
Zwar gilt auch in der "Deutschland-Edition" das Siedlergrundgesetz "Rohstoffe gewinnen, handeln, tauschen und bauen", aber was und wie gebaut wird, das unterscheidet sich bereits stark von urcatanischen Gepflogenheiten. In der Deutschland-Edition entfällt z.B. komplett die sog. "Abstandsregel", die auf Catan jeweils zwischen zwei Siedlungen einzuhalten ist. Gebaut werden kann und muss ausschließlich dort, wo Städte eingezeichnet sind. In diese Städte setzt man jeweils ein "Rathaus", vorausgesetzt, man verfügt über die nötigen Rohstoffe, d.h. Rohstoffkarten. Jedes errichtete Rathaus bringt einen Siegpunkt und erhöht die Chancen auf Rohstofferträge aus den maximal drei angrenzenden Rohstofffeldern, wie bei den ur-catanischen Siedlungen auch.
Der auf Catan übliche Ausbau von Siedlungen zu Städten und die damit verbundene Verdoppelung von Rohstofferträgen entfällt in "Deutschland". Stattdessen werden an zwölf verschiedenen Orten (die den Grundriss eines bedeutenden Wahrzeichens aufweisen) große Baudenkmäler, wie z.B. der Kölner Dom oder das Lübecker Holstentor, errichtet. Jedes errichtete Baudenkmal bringt dem Spieler einen Siegpunkt; gleichzeitig spendiert ihm die Stadt, in der er das Baudenkmal errichtet hat, noch einen einmaligen Bonus. Dies können, von Stadt zu Stadt unterschiedlich, zwei verschiedene Rohstoffe sein, eine Entwicklungskarte oder auch mal eine Strasse. Kleiner Wermutstropfen: Baudenkmäler bringen im Gegensatz zu Rathäusern keine Rohstoffe.
Strategen, die bei der Besiedelung des vereinten Deutschlands die Nase vorn und als erste 12 Siegpunkte (beim Spiel zu dritt) bzw. 10 Siegpunkte (beim Spiel zu viert) haben wollen, tun gut daran, eine gesunde Mischung von Siegpunkten anzustreben. Wer sich allein auf das Bauen von Rathäusern (pro Rathaus ein Siegpunkt) beschränkt, wird ebenso wenig zum Ziel kommen wie jemand, der vor lauter Begeisterung über die schönen Wahrzeichen sich voller Leidenschaft darin verrennt, möglichst viele Baudenkmäler (pro Wahrzeichen ein Siegpunkt) zu errichten.

Nicht zu unterschätzen in ihrer Bedeutung für ein erfolgreiches Spiel sind auch die eigens für die "Siedler von Catan - Deutschland-Edition" neu gestalteten Entwicklungskarten, die man im Laufe des Spiels erwerben kann. Dahinter können sich entweder Siegpunkte (wie z.B. für die Erfindung des Buchdrucks) verbergen, oder fortschrittliche Errungenschaften, die einem beim Handeln und Bauen Vorteile verschaffen, und schlussendlich mischen sich da auch noch Landsknechte unter den Stapel mit den Entwicklungskarten. Wer eine Landsknechtkarte ausspielt, verjagt damit den Raubritter Götz von Berlichingen. Der Spieler, der am Ende die meisten Landsknechtkarten ausgespielt hat, erhält einen Sondersiegpunkt, ebenso wie derjenige, der die längste zusammenhängende Handelsstrasse gebaut hat.
Dem Spiel liegt ein liebevoll gestalteter Almanach bei, in dem man Wissenswertes und Interessantes über den geschichtlichen Hintergrund Deutschlands, seiner Städte und Landschaften erfährt.
Die Siedler von Catan - Deutschland-Edition von Klaus Teuber, Illustrationen: Michael Menzel, 3-4 Spieler ab 10 Jahren, Spieldauer ca. 50-70 Minuten, Kosmos (2008), Preis ca. 39,99 EUR
Fritz Gruber Fotos: Kosmos (1), KMW (4)
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