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Es begab sich aber zu einer Zeit, da eine große Flut das Reich der Mitte überschwemmte. Und es war während der Regierungszeit des Kaisers Shun. Die Flut schien bis in den Himmel zu reichen, denn kein Hügel und keine Erhebung ragte aus dem Wasser. Da aber arbeitete der große TA YÜ dreizehn Jahre, ohne die Heimat, Frau oder Kinder zu sehen, und bahnte Wege für die Ströme und Flüsse durch neun Provinzen, damit die Fluten dem Meer zugeführt würden.
TA YÜ baute also keine Arche, in der von jeder Spezies nur ein paar ausgewählte Exemplare gerettet werden konnten, sondern sein Bestreben war es, das ganze Volk zu retten. Er nutzte sein Talent zur Planung und zum Bau großer Leitungssysteme, die die Flut eindämmten und sicherstellten, daß die Felder richtig bewässert wurden. Der Überlieferung nach dankte ihm das Volk seine Arbeit, indem es ihm gestattete, die erste Dynastie, die Hsia-Dynastie, im 22. Jahrhundert vor Christus zu gründen.
Nach der Re-Edition von abstrakten Strategie-Klassikern wie "Focus" und "Twixt" wagt der KOSMOS-Verlag sich 1999 nunmehr an ein völlig neuartiges abstraktes Spiel. Autor ist der in Architektur und Design versierte Holländer Niek Neuwahl, seit gut einem Jahr auch Vorsitzender der europäischen Spiele-Autoren-Zunft (SAZ). - Das neue Neuwahl-Spiel erinnerte den KOSMOS-Verlag nicht nur wegen der raffinierten Leichtigkeit seiner strategischen Linienführung an die Spiel-Kunst des fernen Ostens, sondern auch wegen des bestechend schönen, an edle Mah-Jong-Steine erinnernden Spiele-Prototyps, den der holländische Designprofi dem Verlag vorgestellt hatte.
Wer die von Neuwahl in akribischer Handarbeit gegossenen und bemalten, perlmuttartig schimmernden Spielsteine einmal gesehen hatte, der konnte es einfach nicht übers Herz bringen, dieses Spiele-Kleinod in einer - funktional jederzeit und leicht möglichen - Papp-Version herauszubringen. - Stattdessen sah man sich, sinnigerweise in China, nach Möglichkeiten um, "TA YÜ" mit Spielmaterialien auszustatten, die dem außergewöhnlich großen haptischen Reiz des Prototyps von Niek Neuwahl nahekommen, aber gleichzeitig einen Ladenpreis deutlich unter einhundert Mark erlauben. - Obwohl sich mit der faszinierenden Geschichte der chinesischen Sagengestalt "TA YÜ" ein prächtiges Spiel-Thema angeboten hat, wollte der Verlag die abstrakte Spielform und den Reiz des reinen Spielmaterials nicht verhüllen. So bedient sich die grafische Gestaltung von "TA YÜ" im Hintergrund zwar chinesischer Stilmittel, verzichtet aber darauf, die Struktur des Spiels szenisch zu ummanteln.
Zum Spiel gehören 112 Spielsteine mit eingravierten blauen Linien, Kanälen, sowie ein in kleine Quadrate unterteilter Spielplan. Jeder Spielstein ist so groß, daß er jeweils drei der auf dem Spielplan eingezeichneten Quadrate abdeckt; im übrigen hat jeder Spielsteinkanal drei Mündungen, d.h. die eingravierten Linien weisen an drei verschiedenen Stellen über den Rand hinaus. Insgesamt gibt es 28 verschiedene Steine, die je viermal vorhanden sind. Bei einer dieser Spielsteinarten weisen alle Mündungen auf eine Seite, bei fünfzehn Arten nach zwei, und bei zwölf Arten nach drei verschiedenen Seiten. Aus den verdeckt liegenden Steinen wird ein Vorratsstapel errichtet, der zwei Steine breit, sieben Steine lang und acht Steine hoch ist. Der Stapel wird nach und nach von vorne abgebaut.
Jeder Spieler darf pro Zug immer einen Stein vom Stapel nehmen. Der erste Stein muß so gelegt werden, daß er das Feld im Zentrum des Spielplanes abdeckt, jeder weitere so, daß irgendein bereits vorhandener Kanal weitergeführt wird. Vor Spielbeginn entscheiden sich die beiden Spieler, wer den Norden mit dem Süden, und wer den Osten mit dem Westen verbinden will. Ziel des Spieles ist es, am Ende an zwei gegenüberliegenden Seiten möglichst viele Kanal-Linien ins Meer am Rande des Spielfelds münden zu lassen. Die Anzahl der Mündungen auf zwei gegenüberliegenden Spielfeldseiten wird miteinander multipliziert. Wer das höchste Ergebnis erzielt, gewinnt. Die beiden Kanal-Baumeister achten natürlich nicht nur darauf, das eigene Spielziel zu erreichen, sondern auch darauf, dem Konkurrenten möglichst viele Steine in den Weg zu legen. Besonders heikel wird die Situation immer dann, wenn sich ein Kanal dem Spielfeldrand nähert, denn dann wachsen auch die Chancen, dem Gegner ein Stück des Weges nach außen nachhaltig zu verbauen.
Dieses Prinzip des "Steine-in-den-Weg-legens" ist auch Grundlage der außerordentlich reizvollen Dreiervariante von "TA YÜ". Hierbei wird die Rolle eines "Störenfriedes" versteigert. Versteigern heißt: jeder der drei Spieler macht ein Angebot bezüglich des erreichbaren Endergebnisses. So würde z.B. der eine Spieler sagen: "Wenn ich Störenfried wäre, dann würde keiner der beiden Spieler mehr als 20 Punkte erreichen." Ein anderer Spieler übertrumpft dies, indem er verspricht, daß er als Störenfried nicht zulassen würde, daß mehr als 17 Punkte erreicht werden. Wer das kühnste, sprich niedrigste Angebot macht, der darf Störenfried spielen und muß nun dafür sorgen, jedem der beiden anderen die Wege so geschickt zu beschneiden, daß keiner der beiden die prophezeite Punktzahl erreicht. Gelingt ihm dies, hat er gewonnen, versagt der Störenfried, dann wird der Sieger unter den beiden konstruktiven Spielern, wie gehabt, ermittelt.
TA YÜ von Niek Neuwahl, 2 und 3 Spieler ab 10 Jahren, Spieldauer 45-60 Minuten, Kosmos (1999), Preis ca. 89 DM.
Fritz Gruber