Spielbesprechung
Das Leben an sich ist eine recht schöne Sache - nur leider nicht immer ganz fair. Selten wird man sich dieses Umstands so deutlich bewusst wie beim Spielen des neuen Anno Domini Themensets "Flopps". Doch halt, nicht jeder wird die Anno Domini-Reihe kennen; eine kurze Einleitung für diejenigen, an denen diese bisher vorüberging.
Bei "Anno Domini" handelt es sich um ein Spiel des Schweizers Urs Hostettler (Tichu, Cosmic Eidex), erschienen im Fata Morgana-Verlag. Das Spielprinzip ist simpel, aber gut: jedes "Anno Domini"-Themenset besteht aus 336 Karten, die auf der Vorderseite ein bestimmtes Ereignis angeben und auf der Rückseite dessen genaue oder ungefähre zeitliche Einordnung. Jeder der 2-10 Spieler (optimal 3-6) erhält nach der beliebig variierbaren Grundregel 9 Karten, die er mit der Vorderseite nach oben vor sich ablegt. Nun wird eine weitere Karte in die Tischmitte gelegt. Reihum sind die Spieler an der Reihe und versuchen, jeweils eine ihrer Karten so anzulegen bzw. in die entstehende Kartenreihe einzubauen, dass sich eine chronologische Abfolge der Ereignisse auf den Karten ergibt. Da man sich verständlicherweise die Kartenrückseiten aber nicht ansehen darf und manche Ereignisse doch recht ausgefallen sind oder zeitlich nahe beieinander liegen, ist dies oft nicht allzu einfach. Siegbedingung? Wer alle seine Karten als erster losgeworden ist, gewinnt die Partie "Anno Domini".
Da fehlt doch noch etwas bezüglich des Spielablaufs mag der aufmerksame Leser mutmaßen? Richtig. Denn der Clou am Spiel ist: anstatt eine weitere seiner Karten auszuspielen kann ein Spieler auch anzweifeln, dass die ausliegende Kartenreihe wirklich chronologisch korrekt ist. Dann werden die Karten umgedreht und die Rückseiten verlesen. Sollte der Zweifler Recht behalten, so erhält der vor ihm sitzende Spieler drei zusätzliche Karten; Strafe muss sein - den letzten beißen nun mal die Hunde. Ist die Kartenreihe wider erwarten korrekt ausgelegt, so wird der Zweifler mit zwei weiteren Karten "entlohnt".
Somit ist "Anno Domini" stets eine Gratwanderung zwischen Bluffen, Einsatz von Halbwissen und beherztem Anzweifeln. Die auf den Karten angeführten Ereignisse variieren zwischen wesentlichen historischen Begebenheiten und humorvollen Randnotizen menschlichen Daseins, was dem Spiel eine sehr unterhaltsame Note verleiht. Mittlerweile sind eine ganze Reihe von Themensets (z.B. Erfindungen, Sex&Crime, Lifestyle, Natur, Seefahrer) erschienen, die beliebig miteinander kombinierbar sind. Somit ist reichlich Abwechslung geboten - bis Anno Domini langweilig wird, vergeht schon einige Zeit. Allerdings auch einiges an Geld, denn schließlich kostet jedes Themenset ca. 25DM im Fachhandel - angesichts des Rechercheaufwands für je 336 Karten aber sicher gerechtfertigt.
Doch zurück zum hier vorliegenden Themenset. "Flopps" ist eine Fundgrube menschlicher Tragödien und Missgeschicke mit oft fatalen Folgen. Ein Sammelsurium des schwarzen Humors und Leckerbissen für alle, die schon immer mal wissen wollten, welche Fehler man in seinem Dasein besser vermeidet. Z.B. den längsten Bart Europas zu haben mag eine Zierde sein, ungeschickt ist es allerdings, über selbigen zu stolpern und sich dabei das Genick zu brechen. Auch E-Gitarre spielen in der Badewanne mag entspannend wirken, kann aber ebenso leicht zu weniger entspannter Leichenstarre führen. Unter der Rubrik "Dumm gelaufen" ist wohl zu verbuchen, wenn man als Motorradfahrer versehentlich von einen herunterfallenden Hund getroffen wird. Hitler zum "Mann des Jahres" zu küren hat dagegen eher gewisse Aspekte mangelnder Umsicht und ist somit tendenziell selbstverschuldet. Weitaus pfiffiger mutet da schon an, Beuys-Kunstwerke als Bierkühler zu zweckentfremden oder als Komiker sein Publikum vermittels Lachgas zu animieren. Für diejenigen unter uns, die Innovativität schätzen, dürfen es dann auch mal - harmloser - der Verkauf von "eckigen Kanonenkugeln" oder die These, dass die "Seelen der Toten in Bohnen wohnen" sein.
Bei diesem Themenset beginnt der Spaß also schon direkt nach dem Auspacken beim Studium der ersten Karten. Insofern ist dieses Spiel auch durchaus eine amüsante Lektüre - mit 336 Karten ist man ja auch eine Weile beschäftigt. Ironie des Schicksals jedoch ist die Betitelung des Sets, denn "Flopps" schreibt man auch nach neuer Rechtschreibung weiterhin nur mit einem "p". Oder war das etwa doch gewollte Selbstironie? Planen die Schweizer vielleicht sogar eine Rechtschreibverschwörung? Wer Spiele wie "Anno Domini" und "Tichu" herausbringt ist sicher zu vielerlei fähig; man sollte das im Auge behalten. Nicht dass uns die Eidgenossen irgendwann in den Rücken fallen und uns vermittels absurder Spiele, Rechtschreibguerilla und Käsefondue zu willenlosen Sklaven umformen.
Wie dem auch sei, empfindliche Gemüter können das überzählige "p" ja vermittels Edding ausmerzen und sich auch gleich daran machen, so manch holpriges Deutsch oder Tippfehler auf den Karten zu beseitigen. Der Rest ist dann aber schon längst mit unterhaltsamen Partien zugange. Und dieser Umstand spricht ganz klar für das Spiel. Eine dicke Empfehlung für dieses Themenset - sofern man sich nicht zu den allzu zartbesaiteten Gemütern zählt.
Roman Pelek, 13.08.2001
Urs Hostettler <urs@fatamorgana.ch> 21.09.2001 12:32:
Ja, lieber Roman Pelek,
natürlich ist der Titel FLOPPS ein absichtlicher selbstgebrauter Flop. Erstaunlich ist aber, wie zwischen Autor und Druckerei fast ein Dutzend Druckfehler und Holperer entstehen oder unbemerkt überleben konnten. In diesem Sinn machen die "Flops" ihrem Namen alle Ehre. - Spielbeeinflussend ist zum Glück nur einer: "We are the world" stammt aus dem Jahr 1985, nicht -95.