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Bang!

High Noon - Was tun?

Western-Themen, gerade in Kartenspielform, scheinen derzeit eine Blüte zu erleben. Was mit "Wyatt Earp" begann und mit dem Krimsus-Doppelschlag "Goldrush City" und "Saloon" weitere Kreise zog, mündet nun in einem Spiel mit dem lautmalerischen Titel "Bang!". Letztgenanntes stammt vom neu gegründeten Spieleverlag "daVinci Editrice" aus Italien und zieht alleine schon deshalb das Interesse auf sich.

CoverIn "Bang!" geht es dann auch, Titel und Herkunft gemäß, um eine gediegene Schießerei mit Spaghetti-Western-Touch. Als Anwesende notieren wir den "Sheriff", mehrere "Outlaws" sowie einen "Renegade". Sollten die anwesenden Spieler mengenmäßig die Mindestzahl von vier überschreiten, strecken wir darüber hinaus das Ganze noch mit ein bis zwei "Deputies". Jeder von uns verkörpert nun eine dieser Rollen im Spiel - mit recht unterschiedlichem Ansinnen.

Spaghetti-Western mit verteilten Rollen

Der Sheriff, der Tradition seines Berufsstands sehr verbunden, möchte gerne alle Outlaws sowie den Renegade vermittels bleihaltiger Kost auf den staubigen Boden der Tatsachen zurückwerfen. Ein Outlaw trachtet hingegen danach, den Sheriff zu treffen - wohlgemerkt: zwischen die Augen, und nicht auf ein Gläschen Whisky. Skrupelloserweise wird er dabei auch über die Leichen seiner "Artgenossen" gehen. Das Heil des pflichtergebenen Deputys liegt naturgemäß darin, das Wohl seines Brötchengebers zu sichern und somit schlägt er sich auf die Seite des Sheriffs. Der auf Karriere versessene Renegade hingegen sieht das anders: Sheriff anstelle des Sheriffs zu werden ist sein Traum, welchen er verwirklicht haben wird, falls er am Ende als einziger noch auf eigenen Beinen den Ort des Geschehens verlassen kann. Der Clou dabei: die Rollenkarten werden zu Beginn verdeckt verteilt und nur der Sheriff muss sich den anderen sofort zu erkennen geben. Die Absichten der anderen bleiben vorerst im Dunkeln - sie müssen ihre wahre Identität erst preisgeben, wenn sie im Spielverlauf das Zeitliche segnen oder eine Siegbedingung für sich reklamieren können.

Jesse JonesDamit wir jedoch nicht allzu namen- und charakterlos in unsere Rollen schlüpfen müssen, gibt's dazu noch für jeden eine Charakterkarte, auf welcher der Name seines Westernhelden, seine Kugelfestigkeit sowie eine Sondereigenschaft für das Spielgeschehen vorzufinden sind. Die Kugelfestigkeit wird sodann für das Spiel in recht flüchtige Lebenspunkte umgemünzt, welche zugleich das eigene Handkartenlimit für Aktionskarten darstellen - angeschossen zu sein trübt je nach Schwere nun mal durchaus die eigene Handlungsfähigkeit. Nachdem wir das alles geprüft und für einleuchtend befunden haben, stürzen wir uns, jeder mit der entsprechenden Zahl Aktionskarten bestückt, nun endlich in den staub- und bleihaltigen Trubel.

Dieser ist von vergleichsweise simpler und vordergründig geordneter Natur: wer an der Reihe ist, zieht zwei Karten nach, spielt mit zwei Einschränkungen beliebig viele aus der Hand aus und überprüft abschließend, ob der Bleigehalt des eigenen Charakters noch die aktuelle Menge an Handkarten zulässt. Danach lädt des Uhrzeigers Drehsinn den linken Nachbarn zur gemütlichen Kugelverteilung ein. Das eigentliche Spielgeschehen indes findet jenseits dieses trocken anmutenden Prozederes auf den ausgespielten Aktionskarten statt.

Hier wird mit "Bang!"-Karten, von denen im Normalfall nur eine pro Zug gespielt werden darf, munter in die Runde geballert. Einziger Haken bei der Sache: ohne zuvor ausgespielte besondere Waffe oder ein schnelles Reittier ist die Reichweite der eigenen Kugeln begrenzt, nämlich auf einen Sitzplatz Entfernung. Dumm, wenn dann linker bzw. rechter Sitzmachbar nicht das angepeilte Ziel darstellen, sondern der genüsslich grinsende Mitspieler gegenüber - natürlich mit drei Sitzplätzen Sicherheitsabstand. Ebenso ärgerlich für den angehenden Revolverhelden ist es, wenn das eigentlich gewählte Opfer in Mitspielerform sich nonchalant hinter ein "Barrel" duckt oder mit einer "Missed!"-Karte kontert.

Aber es gibt ja noch andere Mittel und Wege, die Mitspieler kleinzuhalten: ein "Jail" zum Beispiel bringt einen beliebigen anderen Spieler vorläufig hinter Schwedische Gardinen.Prigione Letztgenannter ist somit temporär handlungsunfähig, aber dennoch weiterhin vortreffliche Zielscheibe. Das allseits beliebte "Duell" hingegen verkürzt die zähen Verhandlungen auf Waffenbasis entscheidend: hier werden abwechselnd "Bang!"-Karten gespielt, bis einer der beiden "Teilnehmer" passen muss und einen Lebenspunkt verliert. Die eigene Vitalität kann man aber auch wieder steigern, und zwar mit einem kühlen Blonden (auf gut Italienisch: "Birra"), entweder einzeln genossen oder im Rahmen einer Lokalrunde im "Saloon". Ganz tückisch jedoch verhält sich das "Dynamit": einmal gezogen muss es sofort ausgespielt werden und wandert fortan in bester "Tick Tack Bumm"-Manier reihum. Ein Spieler, der diesen unbeliebten Knallfrosch vor sich liegen hat, muss zu Beginn des eigenen Zuges nun eine Karte ziehen und das darauf enthaltene Poker-Symbol überprüfen: zieht er Pik 2 bis 9, hat dies den gesundheitsschädlichen Verlust von 3 Lebenspunkten zur Folge. Dieses Element des Kartenziehens, um anhand der auf jeder Karte vorhandenen Pokersymbole das Eintreten eines Ereignisses zu überprüfen, findet sich übrigens auf auch anderen Karten - hier lässt "Wyatt Earp" grüßen.

"Bang!" präsentiert sich somit primär als glücksbetontes Fun-Spiel im Western-Ambiente, das nichts weiter als zwischen 20 und 40 Minuten dauernde, kurzweilige Unterhaltung sein will. Die taktischen Einflussmöglichkeiten sind gering, der Spielspaß gründet sich eher auf das schadenfrohe "Wer-gegen-wen?", das durch die verdeckten Rollen eine nette Bluff- und Unsicherheitskomponente gewinnt. Dadurch bedingt legt "Bang!" in größeren Runden auch deutlich gegenüber der 4er-Besetzung zu; mit den zusätzlichen "Deputies" kommen diese Spielelemente nämlich am besten zum Tragen.  Ähnlich wie der "Renegade" werden "Deputies" nämlich den "Sheriff" schützen und zuerst die "Outlaws" eliminieren wollen - mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass erstgenannter dies nur tut, um den Gesetzeshüter zuletzt unter die Erde zu bringen. So kommt viel Schadenfreude auf, wenn der "Sheriff" versehentlich anstelle des vermeintlichen "Renegade" einen treu ergebenen "Deputy" ins Jenseits und damit aus dem Spiel befördert - woher soll er's auch so genau wissen? Durch die erfreulich kurze Spieldauer überwiegt dabei auch der Spaß; Frust durch Ausscheiden wird kaum entstehen, denn eine Revanche ist schnell gespielt.

GesamtmaterialWas die Spielanleitung anbelangt, so ist die englische Version weitgehend verständlich und schnell begreifbar geschrieben, alleinig einige der komplexeren Sonderkarten erfordern Herumreichen und Nachlesen der Regel während des Spiels. Die Grafik der Karten ist übersichtlich geraten, farbige Rahmen und klare Symbole illustrieren die Bedeutung der Karten sehr gut, während die gelungenen Zeichnungen das nötige raue Westernflair versprühen.

Insgesamt kann "Bang!" als lockeres Vergnügen für größere Runden durchaus empfohlen werden, trotz vereinzelter Parallelen zu "Saloon" oder "Wyatt Earp" besitzt es einen klar eigenständigen Charakter. Da für Essen 2002 auch eine separate Ausgabe für den deutschen Markt angekündigt ist, dürften bei entsprechend sorgfältiger Übersetzung dem Spielvergnügen auch weder Sprach- noch Vertriebsprobleme im Wege stehen.

Bang! von Emiliano Sciarra mit Illustrationen von Alex Pierangelini. Für 4-7 Spieler ab 10 Jahren, Spieldauer ca. 20-40 Minuten. Erschienen bei daVinci Editrice S.r.l. (2002). Preis und Vertrieb für die deutsche Ausgabe stehen noch nicht fest.

Bezugsquelle: daVinci Editrice S.r.l., Via Tittoni, 3, I-06131-Perugia, Italien. E-Mail: info@davincigames.com, Website: www.davincigames.com.

Roman Pelek, 24.08.2002

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