Spielbesprechung
"Der König der Diebe" von Bruno Faidutti und Michael Schacht ist die Neuauflage des Spiels "Die Tafelrunde". Letztgenanntes erschien im Juni 2000 in einer auf 500 Stück limitierten Auflage zum Selbstbasteln in Michael Schachts Eigenverlag "Spiele aus Timbuktu". Bruno Faiduttis Begeisterung für das Spiel führte letztendlich zu einer Kooperation beider Autoren, die zu einer überarbeiteten und erweiterten Neuauflage bei Eurogames gedieh. Und diese haben wir nun vor uns.
Wer "Die Tafelrunde" kennt, dem dürften einige deutliche Veränderungen auffallen. Michael Schachts Vorlage war für 3-4 Spieler gedacht und kam mit einem relativ kleinen Kontingent an Aktionskarten aus, wohingegen "Der König der Diebe" mit bis zu 6 Spielern spielbar ist und eine Fülle an verschiedenen Karten zur Beeinflussung des Spielgeschehens beherbergt. Des weiteren wurde das rundenbasierte Werten zugunsten einer flexibleren Lösung geopfert und es kamen weitere neutrale Heldenkarten namens "Bruder John" und "Old Sarah" dazu, die das illustre Spielgeschehen bereichern.
Doch fangen wir von vorne an: Wir, die Mitspieler,
bevölkern die Tafelrunde des Berufsgauners
"Draco", eine Art Schattenkabinett zu König
Artus' bekannter Ansammlung von Lichtgestalten (wobei
diese Lichtgestalten je nach Verklärungsgrad der
literarischen Ausgabe der Artussage auch zwischen taghell und
finster wie ein mondloses Geisterstündchen pendelt...).
Jeder Spieler vertritt zwei "Helden" in Form von
Karten der eigenen Farbe, die zusammen mit denen der anderen
Spieler inklusive dreier neutraler "Helden" sowie
"Draco" in einem Kreis ausgelegt werden.
"Draco" selbst hält einen Kelch in der Hand,
der entweder nach links oder rechts zeigt und so die von ihm
begünstigte Seite in der Runde der "Helden"
angibt. Kommt es im Spielverlauf zu einer Wertung, so
erhalten die vier nächsten "Helden" auf der
begünstigten Seite Geld, während die zwei letzten
auf der abgewandten Seite ebensolches abgeben müssen.
Ziel des Spiels, es liegt wahrlich auf der Hand: mit allen
Mitteln eine Häufung von Geld in den eigenen Taschen
hervorrufen und ein Abgeben ebensolchen Beuteguts tunlichst
vermeiden.
Um das Spiel zu beeinflussen, verfügen die Spieler über Handkarten, auf denen Aktionen zur Beeinflussung der Sitzreihenfolge oder Besitzverhältnisse der Spieler angegeben sind. Wer an der Reihe ist, führt eine seiner Handkarten aus und darf sich entscheiden, ob er danach eine Wertung der aktuellen Sitzreihenfolge der Helden auslösen möchte oder nicht. Danach gibt's eine neue Karte vom Nachziehstapel - sollte dieser aufgebraucht sein, so endet das Spiel nach der nächsten Wertung. Wurde von einem Spieler eine Wertung ausgeführt, so darf eine Runde lang nicht erneut gewertet werden.
Der Witz des Spiels liegt in den Aktionen der Karten
selbst und im geschickten Ausnutzen bzw. Aufsparen derselben.
So ist es immer positiv, seine eigenen Helden nach vorne zu
bringen - ist jedoch die nächste mögliche
Wertung noch fern, kann sich sehr viel inzwischen
verändern. Zudem ist zu bedenken, dass ein allzu
forsches Vorpreschen leicht intrigante Reaktionen der
Mitspieler provoziert. Besser ist es da doch, sich durch
Tarnen und Täuschen langsam vorzuarbeiten oder den
Führenden auszubremsen, sich der Unterstützung der
anderen gewiss. Auch durch Manipulation der neutralen Helden
lässt sich einiges durchs Hintertürchen
intrigieren: setzt man den "Zork" ans Ende der
Runde, so kassiert dieser bei der nächsten Wertung ganz
kräftig beim führenden Spieler ab; "Old
Sarah" in der Nachbarschaft eigener Helden beschert
zusätzliche Handkarten und "Bruder John" ist
so mildtätig und gesellig, dass er einem gerne, ganz
altruistisch, den eigenen Anteil an Dracos Beute
vermacht.
"Der König der Diebe" ist ganz klar ein
Spiel, dessen Stärken im reinen Spaßfaktor und im
gezielten Spielen gegen den aktuell Führenden liegen.
Die Fülle an Aktionskarten sind eine Entdeckungsreise
durch die Möglichkeiten der Intrige und der
Ärgerfaktor bei diesem Spiel ("Warum
trifft's gerade mich?") ist, im positiven Sinne,
hoch. Doch gibt es auch Anlass zur Kritik, an vorderster
Stelle ist hier leider ein Druckfehler zu bemängeln.
Alle ausliegenden Heldenkarten sind versehentlich
doppelseitig bedruckt, haben also keine neutrale
Rückseite. Einige Aktionskarten fordern jedoch ein
verdecktes Mischen oder Auslegen der Heldenkarten, was
dadurch zum Teil erschwert bzw. in einem Fall sogar
unmöglich gemacht wird. Abhilfe schafft hier nur
entweder das Aussortieren dreier Aktionskarten aus dem
umfangreichen Sortiment oder das Verwenden von
Kartenhüllen mit neutralen Seiten für die maximal
15 betroffenen Heldenkarten. Dies ist ärgerlich,
angesichts des geringen Ausmaßes aber noch
verschmerzbar. Kommen wir nun zum nächsten Punkt: das
Grundspiel sieht vor, dass man solange spielt, bis der
Aktionskartenstapel komplett durchgespielt ist, dies kann, je
nach Runde, zwischen 60 und 75 Minuten dauern und ist
für ein solches, eher leichtgewichtiges Spiel doch recht
lang. Hier ist anzuraten, dass man, je nach Lust und Laune,
wie es die Regel empfiehlt, ein paar Karten aussortiert.
Angesichts der Tatsache, dass die Bandbreite der
Aktionskarten von recht taktischen Vertretern (Karten
bestimmter Arten gruppieren oder nach Vorgabe ziehen) bis hin
zu reinen Gaudikarten (Man schnippe oder werfe
Geldstücke und schaue, wo sie landen - hier
spürt man Bruno Faiduttis Einfluss auf das Spiel)
recht groß ist, kann man zudem diese Möglichkeiten
nutzen, das Spiel etwas dem eigenen Gusto anzupassen.
Völlig unverständlich ist jedoch der Satz, der
denjenigen, die ein längeres Spiel wünschen, das
zweimalige Durchspielen der Karten empfiehlt. Dann kommt man
auf eine Spieldauer von ca. 2-2,5h, das selbst dem
hartgesottensten Zocker für diese Art Spiel etwas zuviel
abverlangen dürfte, zudem reicht die beigelegte Menge an
Geldchips gerade knapp für eine einfache Partie.
Vorschlag zur Güte: Spielchen nach einer Partie einfach
einpacken, noch was anderes spielen und beim nächsten
Spieleabend gerne wieder den "König der
Diebe" sein Unwesen treiben lassen.
Wie eingangs schon erwähnt, drängt sich natürlich der Vergleich mit Michael Schachts Vorlage "Die Tafelrunde" auf. Was ist besser, was schlechter? Nun, besser ist auf jedem Fall die für den deutlich höheren Preis von 30DM (im Vergleich zu den 6DM für den "Tafelrunde"-Bogen zum Ausschneiden) zu erwartende üppigere und gediegenere Ausstattung sowie die Möglichkeit, nun auch mit 5 und 6 Spielern zu spielen - wobei eine größere Spielrunde dem Spielspaß keinen Abbruch tut, jedoch die taktische Komponente noch etwas geschwächt wird. Die Veränderungen an der Wertung und am Ausspielmodus der Aktionskarten sind Geschmackssache, die zusätzlichen neutralen Charaktere und neugestalteten Aktionskarten erweitern die Bandbreite des Spiels deutlich, wobei nun auch ganz klar der Gaudisektor abgedeckt wird. Wie erwähnt, ist es jedoch durch Auswahl der Karten vor dem Spiel einfach und sinnvoll möglich, Spieldauer sowie Charakter den eigenen Wünschen anzupassen.
Somit fügt sich der "König der Diebe" nahtlos in die Blue-Games-Reihe von Eurogames ein, die witzige, originelle Spiele zum moderaten Preis offeriert. Wer ein Spiel sucht, das lockere Unterhaltung mit fiesen Seitenhieben bietet, kann hier bedenkenlos zugreifen - reine Taktiker oder Strategen werden dieses Spiel jedoch sicherlich nicht ganz oben auf ihre Wunschliste setzen. Wer bereits die "Tafelrunde" besitzt, sollte vielleicht erst einmal probespielen, ob der umfangreichere, spaßbetonte Charakter des Spiels ihm besser gefällt als beim Original - die Meinungen hierzu waren in unseren Runden geteilt. So oder so gibt's an Spielspaß sowie Aufmachung des Spiels, sieht man über den Druckfehler hinweg, nichts auszusetzen - und das ist gut so. Der "König der Diebe" wird uns sicher noch öfter zur Auflockerung des Abends auf dem Spieltisch erfreuen.
Der König der Diebe von Michael Schacht und Bruno Faidutti, Grafik: Julien Delval, 3-6 Spieler ab 12 Jahren, Eurogames (2001), ca. 30 DM
Roman Pelek, 06.10.2001