Spielbesprechung

Muscat-Headline

Intrigen unter orientalischem Sternenhimmel

"Muscat" ist die englische Bezeichnung der Stadt Maskat, ihres Zeichens Hauptstadt des arabischen Sultanats Oman. Wer beim Klang des Namens mutmaßt, dass die Herkunft der Muskatnuss geographisch sicher nicht weit entfernt sein dürfte, liegt richtig. Doch wollen wir uns hier nicht weiter mit Gewürzen beschäftigen, auch ist "Muscat" beileibe kein Handelsspiel. Somit beenden wir unseren einleitenden Exkurs in die Geographie kurzentschlossen und wenden uns den spielerischen Dingen des Lebens wieder zu.

Bei "Muscat" handelt es sich nämlich um ein taktisches Brettspiel für 3-5 Spieler, erschienen im Kleinverlag "Die Sternspieler", letzterer bestehend aus der Autorin Christiane Knepel und der Grafikerin Antje Graf, die auf diesem Wege ihr erstes eigenes Spiel vorstellen. Dieses ist thematisch tatsächlich in Maskat beheimatet, doch dreht sich hier alles um den "Kreislauf der Macht", in welchem Artisten, namentlich Schlangenbeschwörer, Feuerschlucker, Flötenspieler und Elefantentreiber, versuchen, die Karriereleiter bis hin zum Hofstaat des Sultans emporzusteigen. So finden wir ein buntes Treiben, einen regen Konkurrenzkampf auf den Marktplätzen Maskats, auch einige gestrandete, auf Rache sinnende Existenzen in den Strassen sichten wir.

SpielplanDer Spielplan zeigt von unten nach oben je vier Mal eine Strasse mit zugehörigen fünf Marktplätzen und als Ziel den Sultanspalast. Korrelierend mit der Spielerzahl werden je Ebene 3-5 Marktplätze bespielt. Jeder Marktplatz zeigt die vier Symbole der oben erwähnten Artisten. Den einzelnen Ebenen sind Punkte für die Endabrechnung zugeordnet, aufsteigende Pluspunkte für die einzelnen Marktplätze, Minuspunkte für die Strassen. Nachdem gemäß der Startaufstellungsvorgabe die untersten Marktplätze mit je einem Artisten jeder Farbe belegt sind, erhält jeder der Spieler die verbleibenden 15 Plättchen seiner Farbe als verdeckten Nachziehstapel mit einem offenen Plättchen als Vorrat und das Spiel kann beginnen. Wer an der Reihe ist, hat die Wahl, entweder einen neuen Artisten auf einem der untersten Marktplätze einzusetzen, den eingangs erwähnten "Kreislauf der Macht" auszulösen oder vermittels eines auf einer Straße befindlichen Tunichtguts Racheaktionen durchzuführen.

Artisten im Kreislauf der Macht

PlättchenDas Einsetzen eines Plättchens auf einem Marktplatz erfolgt, indem man es auf das passende Symbol des Platzes legt, sofern dieses frei ist und damit maximal das dritte der vier Felder belegt wird. Da die vier Felder im 2x2-Quadrat angeordnet sind, ergibt sich in "Stein-Schere-Papier"-Manier eine klare Hierarchie der Artisten, deren Rang im Uhrzeigersinn absteigend ist. Entscheidet sich ein Spieler dazu, anstelle anderer Aktionen in einem mit drei Artisten besetzten Marktplatz den "Kreislauf der Macht" auszulösen, so greift diese Rangfolge: Beispieldie beiden ranghöchsten Artisten dürfen eine Stufe (sind die nächsten Stufen besetzt auch mehrere Stufen) aufsteigen, der niederrangigste jedoch fristet vorerst ein Schattendasein als Tunichtgut in einer der Straßen Maskats unterhalb des aktuellen Marktplatzes. Dort sollte er jedoch nicht allzu lange verweilen, denn zum einen bringt ein Aufenthalt auf der Straße am Spielende Minuspunkte, zum anderen sind die möglichen Racheaktionen eines Tunichtguts allzu verlockend: er kann, banal, wieder seinen Platz in einem der Marktplätze oberhalb der Straße finden. Weitaus weniger milde sind jedoch die möglichen Aktionen "Ortswechsel", "Vertreibung" oder "Verwandlung", die auf vielschichtige Art und Weise ein Umgruppieren der Plättchen auf den Marktplätzen Muskats erlauben und danach automatisch einen Kreislauf der Macht auslösen.

Das Spiel endet, zumeist nach ca. einer Stunde taktischen Intrigenspiels, sobald eine gewisse Anzahl (6 bei 3 oder 8 bei 4-5 Spielern) Artisten den Sultanspalast erreicht und sich somit dem Hofstaat angeschlossen haben. Dann folgt die Endabrechnung, wobei für jeden auf dem Brett befindlichen Artisten Plus- (auf Marktplätzen) oder Minuspunkte (auf Straßen) entsprechend seiner Nähe zum Sultanspalast verteilt werden und entsprechend die Siegerin oder der Sieger feststeht.

Sternstunden für Intriganten

"Muscat" ist ein hundsgemeines taktisches Spiel. Hier wird ständig gegen andere Spieler intrigiert, aufgestiegen, wieder auf der Straße gelandet - nur um danach eine heftige Racheaktion in Form einer für die Mitspieler unerwarteten Umgruppierung von Artisten durchzuführen und sich damit nach oben zu katapultieren. Der "Kreislauf der Macht" in Verbindung mit Setzregeln und den Umgruppierungen durch Tunichtgute bietet ein taktisches Spielvergnügen mit erheblichem Tiefgang. BeispielDie Spielmöglichkeiten sind vielschichtig und erschließen sich erst nach einer gewissen Anzahl von Partien - und selbst dann verflucht man sich noch selbst dafür, den hinterlistigen Schachzug eines Mitspielers doch wieder übersehen zu haben. Das Emporklettern der Karriereleiter in arabischen Gefilden macht einen Heidenspaß, ist aber beileibe nicht so simpel wie anfangs zu vermuten. Eine gehörige Portion Gehirnschmalz gehört dazu, will man auf den Straßen und Plätzen von "Muscat" bestehen. Wem die Flucht aus der Festung in "Cartagena" zu einfach ist, der sollte sich mal im Aufsteigen bei "Muscat" versuchen. So wenig die beiden Spiele von Taktik oder Setzregeln miteinander zu tun haben, der Grundmechanismus des Emporkletterns, Zurückfallens und Überspringens ist artverwandt, wenn auch bei "Muscat" in viel komplexerer Form realisiert. Naturgemäß bleibt das Spielgeschehen somit in der Dreier- oder Viererbesetzung auch überschaubarer als zu fünft, bei der die Übersicht über die vielfältigen taktischen Möglichkeiten zur Herausforderung wird. Am meisten Spaß brachte es in unseren Runden mit vier Mitspielern.

Noch ein paar abschließende Worte zu Verkaufspreis, Material und Regelwerk. "Muscat" ist mit 50DM für einen Spielplan plus Stanzbogen recht teuer geraten. Dies relativiert sich aber ganz schnell, wenn man sich der Tatsache entsinnt, dass es sich bei den "Sternspielern" um einen Kleinstverlag, der gerade sein erstes Spiel vorstellt, handelt. Die grafische Gestaltung ist angesichts dieser Umstände gut gelungen, auch wenn bei der Farbwahl der Plättchen größere Kontraste zur besseren Farbunterscheidung sinnvoll gewesen wären. Allzu bunt geht es auf dem Spielplan an sich nicht zu, was aber auch ganz klar der Übersicht im Spiel dient und nicht weiter stört.

Die Regeln sind von der Struktur her gut aufgebaut, mit Beispielen versehen und schön illustriert, weisen jedoch einige kleine Lücken (siehe unten) auf und zum Teil finden sich Regelklarstellungen nur in den Beispielen, was das schnelle Nachsehen etwas erschwert. Ungeachtet dessen ist "Muscat" jedoch gut nach dem Regelstudium spielbar.

Vom Spielerischen her können "Die Sternspieler" mit "Muscat" ganz klar mit den "Großen" der Branche mithalten - und darauf kommt es an. Christiane Knepel und Antje Graf haben hier ein originelles Spiel mit taktischem Tiefgang vorgestellt, das Vergleiche nicht zu scheuen braucht. Auch wenn's ein etwas teureres Vergnügen sein mag, man kann "Muscat" nur ausdrücklich empfehlen. Wer taktische Setzspiele mit Tiefgang mag, wird dieses lieben.

Muscat von Christiane Knepel, Grafik: Antje Graf, 3-5 Spieler ab 12 Jahren, Spieldauer: 45-60 Minuten, Verlag Die Sternspieler (2001). Preis bei Direktbezug: 46,95 DM plus Versandkosten (siehe Website des Verlags).

Roman Pelek, 02.07.2001

Weitere Links zum Thema:
• Interview mit Christiane Knepel und Antje Graf
• Rezension von Hanno Schwede bei H@ll9000


Regelklarstellungen zu "Muscat"

Roman Pelek

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