Chicago in den 30er Jahren. Ein dunkles Hinterzimmer in einem der vornehmen Restaurants der Stadt. Don Pepe hat eingeladen. Da kann man nicht einfach "Nein!" sagen. Alle Familien sind vertreten. Und jeder weiß, es ist besser seine Knarre zu laden als sein Glas zu füllen.
Dieses bei Brett- und Kartenspielen ach so geliebte Mafiamilieu wird erneut auf den Tisch gezaubert. Um ein langes Tischoval sitzen die Jims, Joes und Mikes vertraut und in einer bunten Reihe nebeneinander. Jede Familie ist mit seinem Boss sowie einigen Gefolgsmännern aufmarschiert.
Und dann beginnt das Gemetzel. Jeder ist nur daran interessiert, seine Gegner im wahrsten Sinne des Wortes von der Platte zu putzen. Da wird gebombt, gemeuchelt, getrickst, alles was unfein ist, nur mit dem Ziel zu töten.
Allerdings, das sagt keiner bei diesem Spiel ab 8 Jahren. Da werden gegnerische Figuren in den Ganoven-Himmel geschickt oder für sie der Sarg bestellt. Eine hochexplosive Torte schickt so manchen in die Kälte, und eine Überdosis Schlummer-Cocktail läßt den allerlängsten Traum träumen.
Der Hersteller ist peinlich bemüht, die treffende Bezeichnung "töten" zu vermeiden. Aber um nichts anderes geht es bei diesem Spiel und das fortwährend. Anscheinend wirken die mit der Prüfstelle für jugendgefährdende Schriften gemachten Erfahrungen bei "Risiko" noch nach. Seis drum. Ich will hier nicht pädagogisieren, nur, es klingt schon merkwürdig, wenn man ständig umschreibt, was geschieht.
Also, mit dem Messer traktiert man seine Nachbarn zur Linken und Rechten. Die Pistole ist immer treffsicher auf sein Gegenüber gerichtet. Mit Pillen "versüßt" man den Gangstern, die ein Glas vor sich stehen haben, den Drink, und die dynamitgespickte Torte sorgt gleich für freien Platz an drei Nachbarplätzen.
Aber, nicht jeder Gangster kann mit allen Waffen handwerkeln und, die entsprechenden Karten müssen ebenfalls auf der Hand sein. Allerdings, irgend etwas wird schon passen, und so lichten sich schnell die Reihen in der Herrenrunde.
Wer also glaubt, sich taktisch geschickt in irgendwelche Nischen zurückziehen zu können, irrt gewaltig. Früher oder später ist jeder dran, da man nirgendwo vor Anschlägen sicher ist. Einige Stühle sind besonders beliebte Angriffsziele. Hier sitzen die Buchhalter und Geldverwalter. Wer so einen Posten inne hat, bekommt ein Sümmchen aus dem Topf, immer und immer wieder, bis halt eben...
Die Spieler haben so gut wie keinen Einfluß auf das Geschehen. Wer aktiv am Zug ist, sucht aus seinen Karten den optimalen "Nivellierer" aus und befördert einen oder möglichst mehrere gegnerische Gangster aus dem Spiel. Wer passiv zuschauen muß, kann nur zittern und zagen, daß die bitteren Kelche an den eigenen Leuten vorüber gehen.
Halt stop! Genau an dieser Stelle entwickelt sich eine (gewollte oder ungewollte?) Eigendynamik. Jeder versucht, von seinen Getreuen wortstark abzulenken und verweist mit Fingern auf die ach so bösen Konkurrenten, die es viel eher verdient hätten, in der Schachtel zu verschwinden. Dabei hat man natürlich keine Argumente. Dabei wird dann auch schon mal geflucht und ganz unsachlich den anderen die Pest an den Hals gewünscht. Hier lebt das Spiel. Wenn es diese Phasen nicht geben würde, wäre die Spielreiz-Note noch geringer.
Im Endspiel, wenn sich die Reihen gelichtet haben, ist nur noch wenig Ka-Boum (Zitat aus den Kartentexten) im Spiel. Wer noch mit einer Figur überlebt hat, rafft Runde um Runde ein paar Scheinchen, bis schließlich der Pott verteilt und der Reichste als Sieger ausgezählt werden kann.
Für wen ist das Spiel gemacht oder gedacht? Wahrscheinlich für keinen! Familien, die durch den einfachen Spielrhythmus, die Altersangabe ab 8 Jahren und den Comic-Stil der Grafik angesprochen werden sollen, streiken wegen des Themas.
Zwar mag der Sohnemann noch Spaß empfinden, wenn Papa Mama deftig eins verpaßt. Aber ob Mama auch bereit ist, mit gleicher Münze gegen Papa oder den hämisch grinsenden Nachwuchs zurückzuschlagen, darf in manchen Fällen bezweifelt werden.
Erwachsene Spieler, die "Capone", "Family Business" oder "Chicago" kennen, also vom Thema her interessiert sind, werden wegen des rein zufälligen Spielmechanismus schnell die Finger von diesem Spielchen lassen. Die erwähnten verbalen Bemühungen sind zu wenig tragfähig, um das Spiel zu retten.
Vielleicht gibt es ja ein paar Kids zwischen neun und zwölf, die beim Gemetzel in Chicagoer Mafiakreisen ihren pubertierenden Frust verarbeiten können und wollen. Die sollen halt eben gegnerische Figuren killen. Also ein pädagogisches Spiel?
Don Pepe von Dominique Ehrhard, 3-6 Spieler ab 8 Jahren, Spieldauer ca. 60 Minuten, Parker (1999), Preis ca. 50 DM.
Pen
spielbox Wertung (8 Kritiker)
| Regeln | Material | Originalität | Spielreiz |
| 7-6-7-7-5-6-7-6-8 | 6-5-7-4-6-7-5-8 | 5-7-6-6-7-8-6-8 | 4-6-7-7-7-3-6-7 |
| 1 = schlechteste Note, 10 = beste Note | |||