spielbox archiv heft 3/00

Frischfleisch

Auch für Vegetarier bekömmlich

"Der Kleine da vorn sieht eigentlich ganz knackig aus." Die beiden Frauen taxierten ihr Gegenüber, das mit gemischten Gefühlen zu ihnen herüber sah und dabei in sein Baguette biss. "Ich weiß nicht, mir ist er ein bisschen zu fett." "Sieh's doch mal so", entgegnete ihre Gefährtin, "er hat wenigstens was auf den Rippen und kann uns für eine Weile satt machen."

FrischfleischMehrere Reisegruppen wurden von einem Missgeschick in eine trostlose Wüstenei verschlagen. Die Nahrungsvorräte reichen allenfalls für eine Woche, und Rettung ist nicht in Sicht. Was tun, wenn das Knurren im Magen immer lauter wird und manche der Schicksalsgenossen so appetitlich aussehen?

Das Thema von Friedemann Frieses Spiel ist sicherlich nicht nach jedermanns Geschmack. Aber wir wollen hier keine Diskussion darüber vom Zaun brechen, ob man aus der Not geborenen Kannibalismus zum Thema eines Spiels machen darf oder nicht.

Jeder Spieler schickt eine Gruppe aus sechs illustren Personen auf den Spieltisch, kleine, große, dicke, dünne, merkwürdige, skurrile, absonderliche Gestalten. Auch der Autor selbst hat sich hier verewigt. Pro Spieler gibt's ein Spielplanteil im A4-Format, so dass die Spielfläche mit der Anzahl der Spieler wächst.

Skurrile Reisegefährten

Jeder platziert seine Personengruppe beliebig auf dem Spielplan. Die Charaktere selbst bleiben dabei zunächst verdeckt. Dieselbe Gruppe liegt auch noch einmal aufgedeckt in Form kleiner Pappkärtchen vor jedem Spieler. Hier ist abzulesen, wie viel Nahrung jeder braucht, um satt zu werden (das ist gleichzeitig seine Kampfkraft) und wie viel Nahrung in ihm steckt, wenn er selbst vernascht wird.

Reisegefährten

Auch der Autor Friedemann Friese (6. von links) spielt mit.

Die Figuren eines Spielers treten stets als Gruppe auf, auch wenn sie im Verlauf des Spiels auf dem Spielplan in alle Himmelsrichtungen verstreut werden. Findet einer von ihnen Nahrung, gibt er sie an ein anderes Mitglied seiner Gruppe weiter, wenn er selbst gesättigt ist. Zu Beginn des Spiels ist die Gruppe wenigstens halbwegs satt. Bis zum Ende einer Runde muss aber auch der kleinste Hunger gestillt werden, wenn die Gruppe als Ganzes erhalten bleiben soll.

Merkwürdige Fortbewegungsart

Auf den Spielfeldern, die nicht von Figuren besetzt werden, liegen zu Beginn jeder Runde verdeckte Plättchen herum: Nahrungsmittel, Wege, später auch Schatztruhen. Die Nahrungsplättchen zu finden und die eigenen Figuren in eine vorteilhafte Position zu bringen, ist die erste Aufgabe einer Runde.

SpielbrettDie Fortbewegungsart ist alles andere als realistisch: Man tauscht mit eigenen oder fremden Figuren oder mit verdeckten Plättchen den Platz. Meist werden die Figuren dabei aufgedeckt. Und wenn schließlich alle aufgedeckt sind, geht's ans Futtern.

Steht jemand neben einem Nahrungsplättchen, nimmt er das Futter an sich und versorgt damit die hungrigen Mägen seiner Gruppe. Je weiter das Spiel fortschreitet, desto seltener erreicht eine Gruppe auf diesem friedlichen Weg den nötigen Sättigungsgrad. Und dann ist Schlachtfest angesagt.

Benachbarte Figuren aus unterschiedlichen Gruppen treten zum Duell an. Zusätzlich zum Kampfwert der Figur hat jeder Spieler noch eine Handvoll Kampfchips in der Hand. Wer mehr Punkte auf die Waage bringt, gewinnt das Duell. Der Unterlegene wird vernascht. Hatte er noch was im Magen, kommt das seiner Gruppe zugute - ok, wir wollten uns das ja nicht realistisch vorstellen.

Wer keinen Gegner für ein Duell findet, muss, wenn seine Gruppe noch nicht satt ist, unter den eigenen Leuten wildern. Da bietet es sich an, eine der größten Figuren zu opfern. Zwar sind diese besonders stark, bringen am Ende aber nicht so viele Siegpunkte. Dafür aber ist ihr Nährwert groß.

Denn alles, was nicht mehr in die Mägen passt, wird als Reserve in die Vorratskammer gelegt und damit in die nächste Runde hinüber gerettet. Die Mägen dagegen werden am Ende jeder Runde entleert - die Details erspare ich Ihnen.

Vier Runden werden gespielt. Nach den ersten drei wird notiert, wie viele Figuren eines Spielers überlebt haben. Nach der vierten kommen die Siegpunkte der überlebenden Figuren hinzu, um den Sieger zu bestimmen.

Das Spielmaterial hat eine für ein Spiel aus einem kleinen Eigenverlag bemerkenswerte Qualität. Allein der Spielplan ist ein wenig dünn geraten. Doch die 42 großen hölzernen Spielsteine, die 36 individuell gezeichneten Figuren und die Plättchen machen das wieder wett.

Mit Spielregeln hat Friedemann Friese allerdings immer seine Probleme. Er selbst weiß natürlich, wie sein Spiel funktioniert. Aber er kann die Anleitung dafür nicht unbedingt so zu Papier bringen, dass gleich jeder versteht, wie im Detail gespielt wird. Immerhin helfen ein paar taktische Tipps Anfängern beim Einstieg.

Mit weniger als vier Personen sollten Sie sich nicht ans große Fressen machen. Bei drei Spielern ist die Spielfläche etwas klein, und bei zwei Spielern kommt wieder die ungeliebte Krücke ins Spiel, dass jeder mit zwei Figurensätzen spielt. Doch zu viert oder mit mehr Spielern entwickelt sich ein durchaus bekömmliches Spiel, das man auch öfter auf den Tisch bringen kann.

Ach ja, die Äffchen und die Schatztruhen im Spiel habe ich gar nicht erwähnt. Aber ein bisschen müssen Sie auch selbst entdecken.

Frischfleisch von Friedemann Friese, 2-6 Spieler ab 18 Jahren, Spieldauer ca. 60 Minuten, 2F-Spiele (1999), Preis ca. 60 DM

KMW

spielbox Wertung Kritiker in Reihenfolge: KMW - Ruschitzka
Regeln Material Design Spielreiz
4-6 6-6 7-6 6-6
1 = schlechteste Note, 10 = beste Note
[ Home ] [ Top ] [ Archivübersicht ]