spielbox archiv heft 6/99: reportage

Quo vadis, Spiel?

Die Internationalen Spieltage 1999

„Ich kann den Nachbarstand wieder sehen!“ sagt Geli erleichtert. Es ist Samstag Nachmittag, wir stehen auf dem Stand der spielbox. Um uns herum fluten die Menschenmassen, so daß wir uns wie auf einer Insel abgeschnitten fühlen. Viele haben sich in den Innenhof geflüchtet, wo sie in der herrlichen Herbstsonne liegen.

Und die Leute in den Hallen nehmen auch noch mehr Platz weg als sonst, denn fast alle sind schwer mit Tüten und Taschen bepackt. An jeder Ecke ist ein Verkaufsstand, laufend werden Preise durchgestrichen und durch niedrigere ersetzt. Einige kleinere Verlage verramschen ihre Spiele am Stand. Es herrscht Ausverkaufsstimmung.

„Wenn Du ein Logo für Deinen Messebericht brauchst, nimm das %-Zeichen, und „Rabatt“ ist das Motto.“ spottet ein Kollege. Besonders begehrt waren „Die Sternenfahrer von Catan“, jüngster Sproß im Siedler-Clan, und eine wahre Materialschlacht.

Vom Verlag war zu erfahren, daß die Startauflage bei 100.000 liegt und bereits 70.000 Vorbestellungen des Handels vorlagen. Diese Siedler-Manie ist wirklich nicht mehr mit normalen Maßstäben zu messen. Mit 65.000 Stück sind „Die Siedler von Nürnberg“ an den Start gegangen, eine weitere Variante des erfolgreichen Spielprinzips.

Die strahlenden Gewinner bei der Preisverleihung „Deutscher Spielepreis 1999“ (von links): Peter-Paul Joopen, Reiner Knizia, Wolfgang Kramer, Michael Kiesling, Alan R. Moon. Die Veranstaltung findet am Abend vor Beginn der „Spiel“ statt.

Deutscher Spiele Preis

Übrigens schwört Kosmos hochheilig, daß es zu diesen beiden Spielen mit Sicherheit keine Erweiterungen geben wird. Mit „Catan - Die erste Insel“ taucht das Brettspiel jetzt auch auf dem Computer auf.

Einige Verlage setzen ihre Veräppelung der Siedelei fort. „Anno Domini“, diese herrliche Spielserie, bei der man obskure Ereignisse zeitlich richtig einordnen muß, hat jetzt auch ihre „Seefahrer-Edition“.

Und als Pendant zu den Sternenfahrern gibt es „Space Beans“, das neue Bohnenspiel von Uwe Rosenberg bei Amigo. SciFi-Fans werden sich über die vielen Anspielungen in den Bildern und den Spielregeln freuen. Mit „Bohnanza“ hat „Space Beans“ nur das Thema gemeinsam, ansonsten ist es ein eigenständiges Spiel.

Amigo ließ „Robo Rally“ mit lebenden „Robotern“ auf einem großen Spielbrett live spielen.

RoboRally

Regelrecht Kult ist „Robo Rally“, die deutsche Ausgabe des amerikanischen Fan-Spiels. Bis zu vier Spieler steuern bewaffnete Roboter in einem verrückten Rennen über einen komplizierten Parcours. Auch hier ist eine Erweiterung auf acht Spieler zu erwarten. Das Spiel ist deutlich preiswerter als die amerikanische Ausgabe, aber dennoch sehr gut ausgestattet.

Auf der Messe war „Robo Rally“ eine große Attraktion für die Besucher, denn die Mitspieler wurden als Roboter kostümiert und von den Anweisungen ihrer Partnerspieler über eine große Fläche gesteuert. Der amerikanische Spielleiter mit seinen Kommentaren machte das lautstarke Vergnügen perfekt.

SciFi-mäßiges gab es auch nebenan bei Abacus mit „Andromeda“ von Alan Moon. Bei diesem ganz witzigen und hübsch gemachten Brettspiel müssen Planeten besiedelt werden, wobei neben Spielkarten vor allem ein Zufallsmechanismus eine Rolle spielt, der verblüffend einem Aschenbecher ähnelt.

Mehr in die Vergangenheit führt „Stephensons Rocket“, ein Eisenbahnspiel von Reiner Knizia. Die „Rocket“ war eine Lokomotive im 19. Jahrhundert. So geht es darum, Städte mit Bahnhöfen zu erschließen, Waren zu transportieren und Gleise zu bauen. Wie bei Knizia derzeit aktuell, ist die Endabrechnung recht vielschichtig. Erschienen ist das Spiel bei Pegasus, die bislang für Fantasy-Spiele, z.B. das Rollenspiel „Midgard“, bekannt waren.

Im Morgenland

Aus der Fantasyhalle kommen auch zwei Kartenspiele und zwar mit „Neues aus dem Wichtelwald“ die Erweiterung zu dem lustigen „Der Herr der Wichtel“, und mit „Es geht was ab im Morgenland“ wird die Sagenwelt um 1001 Nacht neu und witzig interpretiert.

Gedränge am Stand von alea: Wie im letzten Jahr waren nur zwei Protypen der Neuheit „Tadsch Mahal“ da, die im Frühling erscheint. Essen als Testlauf.

Tadsch Mahal

Der klassischen Erzähltradition hingegen folgt „Geschichten aus 1001 Nacht“. Dies ist eine überarbeitete Neuauflage des Spiels „Tales of the Arabian Nights“ mit sehr gutem Spielmaterial. Die Spieler reisen durch den Orient und erleben die phantastischen Abenteuer. Gegenüber dem Original wurden die Geschichten noch erweitert, so daß es hier sogar für 1600 Nächte reicht.

Im selben Kulturkreis spielt sich auch Knizias „Tadsch Mahal“ ab. Alea testete eine Vorabversion des schön ausgestatteten Spiels. Die Spieler ringen um die Macht im Indien des 18. Jahrhunderts. Wer das Spiel ausprobieren konnte und gerne „Ra“ spielt, dem gefiel auch „Tadsch Mahal“. Im nächsten Frühjahr wird das Spiel allgemein erhältlich sein.

Auch bei Goldsieber testete Autor Michael Schacht mit „Kardinal und König“ einen Prototyp, der erst 2000 zu kaufen sein wird.

Nur schwer erhältlich ist derzeit Dirk Henns neues Spiel „Yukon Company“ bei db-Spiele. Der Kleinstverlag hat eine lange Warteliste mit Interessenten für das Spiel und produziert fleißig, um die Rückstände abzuarbeiten. „Yukon Company“ ist recht vielschichtig und hat den Goldrausch in Alaska zum Thema.

Gold in Essen?

Das bringt mich zu der Frage, die bei jeder Messe gestellt wird, was denn das absolute Highlight sei. Hier habe ich zu fast jedem Spiel extrem unterschiedliche Meinungen gehört. Begeisterung bei den einen und totale Ablehnung der anderen zum selben Spiel machen eine Aussage ohne eigene größere Erfahrung mit den Spielen fast unmöglich.

„Vinci“ von Eurogames ist eine Ausnahme, denn dieses komplexe Spiel wurde nur gelobt. Doch auch hier gibt es einen Wermutstropfen, denn die Spielregel scheint eine ganze Reihe von Lücken zu haben. Aber nach dem, was ich gesehen habe, könnte das Spiel zu einem Dauerbrenner werden.

„Vinci“ steht in der Tradition von Klassikern wie „Civilization“, scheint mir aber vom Regelumfang und der Spieldauer erheblich spielbarer zu sein. Es behandelt den Aufstieg der europäischen Zivilisation von der Frühzeit zur Renaissance. Und wer sich bis dahin gespielt hat, kann mit „Das Zeitalter der Renaissance“ weiterspielen.

Ein weiteres Spiel, über das es nur Gutes zu hören gab, ist „Torres“ von FX. Wolfgang Kramer und Michael Kiesling haben bekannte Mechanismen äußerst gelungen zu einem neuen Spiel verarbeitet. Leider ist das Spiel in der Flut der „aufgemotzten“ Spiele etwas untergegangen, aber vom Spielwert her ist es sehr bemerkenswert.

Doch das absolute Highlight der Messe war für mich kein Spiel sondern ein Buch. Im Verlag Drei Magier ist eine komplett überarbeitete und erweiterte Neuauflage von „Das Spiel-Buch“ von Erwin Glonnegger erschienen. Johann Rüttinger hat nahezu jede Seite neu gestaltet, außerdem wurde der Text erweitert und aktualisiert. Damit ist das Standardwerk zur Geschichte der Spiele endlich wieder erhältlich. Wer sich für Spiele interessiert, kann auf das Buch nicht verzichten.

Neues für Klassiker

Sicherlich gibt es in jedem Haushalt ein „Mensch-ärgere-Dich-nicht“. Dessen 85. Geburtstag wurde in Essen am Stand von Schmidt-Spiele gefeiert. Dazu gab es eine sehr interessante kleine Ausstellung mit alten Ausgaben des Klassikers, aber auch Plagiaten und verwandten Spielen.

Zum Jubiläum kommen auch zwei neue Versionen, und zwar eine Nostalgieausgabe, die aussieht wie ein Spiel aus den Zwanziger-Jahren; sogar mit nachgemachten Fettflecken und Gebrauchsspuren. Außerdem gibt es eine große Blechkiste, die das Originalspiel, Regelvarianten und zwei weitere Spiele enthält.

Spielszene aus Essen

Aufwendig gestaltet: Man for Man

Leider gehört dazu nicht das witzige „Nichts als Ärger“, das man bei Heidelberger Spiele bekommt. Hier wird das Spiel um Karten erweitert, mit denen man direkt ins Spielgeschehen eingreift. So kann man gegnerische Figuren zum Start zurückschicken oder gar die Farben tauschen. Eine wirklich nette Erweiterung zum klassischen Ärgerspiel.

Schmidt bietet dann noch mit „Millenium“ ein Gedächtnisspiel, das auf einer Zeichnung von Degano basiert. Diese Zeichnung stellt die vergangenen 2000 Jahre satirisch dar. Im letzten Jahr noch war dieses Motiv als Puzzle am Stand von Jumbo Bestandteil eines Gewinnspiels.

Auch die übrigen Großverlage zeigten Neuheiten. Ravensburger hat das altbekannte „Scotland Yard“ weiterentwickelt und als „N. Y. Chase“ in die Straßen von New York verlegt.

Amigo bringt mit „König der Elfen“ das Kartenspiel zum Spiel des Jahres 1998 „Elfenland“. Auch hier geht es wieder um Reisen durch das Reich der Elfen, und das Spielgefühl soll dem des Brettspiels recht ähnlich sein.

Piatnik zeigte mit „Pogo“ und „Gygés“ zwei abstrakte Spiele, die sehr schön in Holz gestaltet sind. Zum Dauerbrenner „Activity“ gibt es jetzt anläßlich des 175. Werksjubiläums eine limitierte „Gold Edition“, die auch noch ein neues Spielelement einfügt. Noris bietet mit „Banking“ ein Wirtschaftsspiel an.

Gute Karten

Kosmos „siedelt“ nicht nur, mit „Der Blaumilchkanal“ gibt es ein kommunikatives Spiel. Bei dem witzigen „Elchfest“ schnipsen die zwei Spieler Hölzchen über den Tisch, um so ihrem Elch einen Weg zu schaffen. „Rosenkönig“ ist ebenfalls für zwei Personen und bekam als „Texas“ im Kleinverlag db-Spiele sehr gute Kritiken.

Hans-im-Glück bot zum Jahresbeginn mit „Klunker“ ein ganz ausgezeichnetes und originelles Kartenspiel. Mit „Willi“, „T-Rex“ und „Dolce Vita“ will man daran anschließen. Die Spiele sind sehr schön gemacht und werden zu einem günstigen Preis angeboten. Besonders zu „Dolce Vita“ gibt es einige interessante Taktiken.

Preisgünstige Kartenspiele sind ja die Spezialität von Adlung Spiele, und so werden tatsächlich neun neue Spiele angeboten. Besonders interessant scheint mir „Take Off“ zu sein, wo man wertvolle Flugrouten mit Karten erwerben muß. „Dschungel“ und „Lao Pengh“ sind meines Erachtens nur mit großer Konzentration und einem Supergedächtnis spielbar. Und „Nix“ ist ein Gag, denn das „Spiel“ besteht bloß aus leeren Karten.

Da gibt es schon mehr bei Zoch, die mit „Schrille Stille“ ein Spiel zum Thema Musikgruppen anbieten, das einen interessanten Mechanismus enthält. „Die Mauer“ war bislang nur in einer sehr teuren Ausgabe bei Fackler erhältlich, jetzt bietet Zoch dieses Knobelspiel in einer preiswerteren Holzversion an.

Sehr aufwendig in Holz ist auch „Autoscooter“ bei Bambus gestaltet. Man gibt seinem Fahrzeug eine Reihe von Befehlen, um so möglichst heftig seine Kontrahenten zu rammen.

Eine wunderschöne Austattung hat auch „Schwimmer in der Wüste“ im Kleinverlag Spielteufel. Dieses raffinierte Spiel, bei dem Muster gebildet werden müssen, ist in der Wüstenlandschaft angesiedelt, die man aus dem Film „Der englische Patient“ kennt. Glücksritter Spiele hat mit „Galaxis“ ein Kartenspiel und „Hände weg von Mona Lisa“ ein Detektivspiel, das entfernt „Scotland Yard“ ähnelt.

Noch am Stand des Kleinverlages wird produziert.

Produktion am Messestand

Hartmut Witt entwickelte in den letzten zehn Jahren sein „Mauern Babylon“ zu „Sumera“ weiter. Man muß seine eigene Sippe vergrößern und immer mehr Land in Besitz nehmen, um so das Land Sumera zu beherrschen. „Glück, Verstand und Edelsteine“ hat Dr. F. Hein in ein schönes Legespiel gepackt, das uns sofort gefiel.

Kaufrausch!

Ich habe bereits die vielen Verkaufsstände erwähnt. Deutlich mehr Platz wurde dem Flohmarkt mit gebrauchten Spielen eingeräumt. Das war gut so, denn dort herrschte Massenandrang. Hier gab es aber auch die Vorboten einer neuen Entwicklung, denn diverse Internet-Anbieter stellten ihre virtuellen Flohmärkte vor. Der Handel mit Second-Hand-Spielen nimmt jetzt also im Internet zunehmend Fahrt auf.

Das Internet selber war Thema von Valentin Hermanns neuem Spiel „X-Net“. Die Spieler schlüpfen in die Rolle von Internet-Anbietern und versuchen, den Publikumsgeschmack mit ihrem Angebot zu treffen oder neue Themen in der Gunst nach oben zu bringen. Das alles wird mit Karten ausgetragen, deren Grafik gut zum Thema paßt. Auch das Spielprinzip stellt die Dynamik und die Beliebigkeit der Themen im Internet gut dar.

Zwei Extreme fand ich in der Neuheiten-Schau. Da gab es den „Contact Messager“, ein elektronisches Gerät, das Kontaktbotschaften verschickt, und direkt daneben „Das Spiel des Lächelns“. Das ist ein kommunikatives Spiel mit hausbackener Grafik, wo „Engelchen und Bengelchen“ Menschen allen Alters miteinander ins Gespräch bringen.

comic action

Neu war in diesem Jahr die Integration der „comic action“ in die Spielemesse. Leider kenne ich mich in der Szene gar nicht aus, habe mir aber sagen lassen, Comicfans seien von dem Angebot begeistert gewesen. Auch dem unbedarften Betrachter wurde etwas geboten.

Ich hatte freilich den Eindruck, daß hier viele Stände zum Thema Comic in die Fantasy-Halle integriert waren, und weniger, daß es sich hier um eine eigenständige Veranstaltung handelte. Ebenfalls subjektiv ist mein Eindruck, daß in diesem Jahr deutlich weniger Stände zum Thema Fantasy und Science fiction zu sehen waren. Ohne die Comics wären diese Hallen ziemlich leer gewesen, wobei auch so schon einige Stände leer blieben.

Da wir die Insider-Spiele den dafür spezialisierten Zeitschriften überlassen, kann ich hier nicht weiter in die Tiefe gehen. Aber bei den Freaks habe ich ein herrliches Spiel gefunden: „Die Erben von Hoax“. Mit einigen wenigen Spielkarten und Chips läßt sich ein völlig chaotisches Spiel erleben. Jeder Spieler kann Behauptungen aufstellen und Spielzüge machen, wie er will. Die anderen müssen nur im Laufe des Spiels herausbekommen, welche Regeln denn wirklich für den einzelnen gelten und welche Figur er tatsächlich spielt.

Da wir schon bei den Kuriositäten sind, so bietet sich „Frischfleisch“ von Friedemann Friese an. Die Spieler müssen eine Personengruppe aus der Wüste führen. Je mehr Leute sie retten können, um so besser. Doch wird die Verpflegung bald knapp, und als einzige Nahrungsquelle gibt es die konkurrierenden Gruppen.

Das Spiel wurde von einigen sehr gelobt, aber mir „schmeckte“ das Thema absolut nicht. Für mich steht ein Spiel nicht im „luftleeren Raum“ außerhalb des sonstigen Geschehens. Und daher sind manche Themen angesichts von hungernden Flüchtlingen und grausamer Verfolgung für mich einfach nicht akzeptabel.

Reinhold Wittig und Bernd Brunnhofer vergnügen sich mit dem „Radio- Knobelspiel“ „Hui Spinne“.

Reinhold Wittig und Bernd Brunnhofer

Probleme habe ich auch mit Spinnen, und in „Hui Spinne“ kriecht ein großes Krabbeltier aus Plastik unaufhaltsam über den Spielplan. Darin verborgen ist ein Radio, mit dem ein nettes Knobelspiel veranstaltet wird. Autor Wittig hat wegen dieses ersten und einzigen Spiels mit einem richtigen Radio Kontakt mit der GEZ aufgenommen, ob denn Gebühren dafür abzuführen seien.

Auf einer Novelle von „Tolstoi“ beruht Wittigs gleichnamiges Spiel. Es muß möglichst viel Land genommen werden, bevor der Tag endet. So stehen die Spieler vor dem Dilemma, ob sie lieber rechtzeitig umkehren oder noch weiter das Land durchqueren sollen.

Erholen wir uns beim „Zoff im Zoo“, einem netten und sehr witzigen Kartenspiel von Doris Matthäus und Frank Nestel. Jean de Poel läßt „Die Schätze des Ali Baba“ einsammeln, zugleich muß man aber auch genügend Karten zusammensuchen, um die Schatzhöhle wieder verlassen zu können.

Ganz witzig fand ich noch „Bau auf!“ vom Buschfunk Verlag, das uns in der DDR ein Haus bauen läßt. Der eine hat Türen, der andere Sanitärmaterial, wieder einer bietet Elektrodinge zum Tausch an. So wird gekungelt, bis das Dach auf dem Haus ist.

Halbvoll? Halbleer?

Goldsieber zeigte mit „Vino“ ein Spiel, das ebenfalls viel Zuspruch fand. Autor Christwart Conrad hatte mit dem Vorläufer „Das Spiel der Weinberge“ 1994 einen Autorenwettbewerb gewonnen. Einige Ideen daraus wurden in „Zoff in Buffalo“ bei F.X. Schmid verwendet.

Jetzt ist es als „Vino“ ausgereift und stellt ein Wirtschaftsspiel dar, wo man die meisten Weinberge in den Weingebieten Italiens zusammenhandeln muß. Die Aufmachung ist recht aufwendig, aber man vermißt doch einen „Ergänzungsset“ mit einer Auswahl der Weine, die im Spiel vorkommen.

Was das Spiel „Kippit“ (franjos) mit Wein zu tun hat? Bei der Schachtel handelt es sich um einen Weinflaschenkarton, der anders bedruckt wurde. Auf einer hölzernen Kippe müssen Klötzchen gestapelt werden, die nicht herunterfallen dürfen.

Ebenso witzig ist „Formel Fun“ aus dem gleichen Verlag, ein lustiges Autorennen, das vor längerer Zeit in einem Kleinverlag als „The Devil takes the Hindmost“ im Angebot war. Die Autos werden durch Spielkarten bewegt, aber nach jeder Runde scheidet das letzte Fahrzeug aus. So bietet franjos ein flottes, einfaches Zockerspiel, bei dem man immer wieder eine neue Partie versucht.

franjos ist einer der Kleinverlage, die schon seit vielen Jahren nach Essen kommen. Es sind diese Kleinverlage, die die Essener Messe so einzigartig machen. In diesem Jahr waren gerade sie nur schwach vertreten.

Die etablierten Anbieter klotzten mit Neuheiten, die bekannten mittleren Verlage trugen ebenfalls ihr Scherflein bei, einige Ausländer waren sehr aktiv, aber die Enthusiasten mit ihren handgeklebten Spielen waren doch sehr rar.

Rudolf RühleUnd es gab Negatives. Rudolf Rühle muß aus gesundheitlichen Gründen die Veranstaltung seines beliebten Sammlertreffens aufgeben und sucht einen Nachfolger. Das Turnier der „Intergame“ wurde mangels Unterstützung durch die Verlage abgesagt. Das „Taschenbuch 'spiel“, Standard-Nachschlagewerk der Branche, erscheint nicht mehr, und es ist völlig unklar, wie der Ersatz aussehen wird.

Ich hatte den Eindruck, daß die Messe „Spiel“ wieder einmal im Umbruch ist. Vielleicht kehrt sie ein Stück zurück zu ihren Wurzeln als Veranstaltung von Spielern für Spieler, die sie so einzigartig gemacht hat. Vielleicht wird die „Spiel“ noch mehr eine von den Mächtigen der Branche bestimmte Verbrauchermesse von vielen.

Natürlich hängt die Zukunft der Messe ganz eng ab von der wirtschaftlichen Situation der Spielebranche. Und die ist zur Zeit nicht gerade rosig. In den letzten 17 Jahren hat es immer mal wieder solche Situationen gegeben, und die spielerische Kraft hat noch immer ausgereicht. Das Spiel bleibt also spannend.

Berthold Heß

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