spielbox archiv heft 1/00: reportage

Spielwarenmesse 2000

Altertümlich und provinziell!

Der folgende Messerundgang erschien in Heft 1/00 der spielbox - illustriert mit zahlreichen Fotos.

"Altertümlich und provinziell!" ist ein treffendes Motto. Nein, nicht für die weltweit führende Spielwarenmesse. Auch nicht für die Leistung der Spieleredaktionen. Das Motto gilt für die Themen vieler Spiele. Sie sind oft in der Historie angesiedelt, haben einen in Provinzen oder Gebiete unterteilten Spielplan, in denen nach verschiedenen Kriterien abgerechnet wird.

Greifen wir als Beispiel Knizias "Die Kaufleute von Amsterdam" (Jumbo) heraus, das im 16. und 17. Jahrhundert spielt. Die Gestaltung ist stimmig und ein historischer Abriss liegt bei. Es gilt, in den Kolonien und den Vierteln von Amsterdam so zu investieren, dass es Punkte bringt, und die Börse muss ebenfalls im Auge behalten werden. Die Aktionen sind durch Karten gesteuert, die versteigert werden. Dabei läuft eine Uhr mit sinkenden Preisen ab: also Nerven behalten und die Uhr rechtzeitig stoppen.

Nerven zeigten zum Schluss auch die Mitspieler bei der holländischen TV-Sendung "Big Brother", wo eine Gruppe rund um die Uhr von Kameras beobachtet wurde. Jede Woche schied einer aus, dem Letzten winkten 250.000 HFL. Die Sendung läuft bei uns an und auch das Spiel. Es scheint eines der üblichen Partyspiele um Übereinstimmungen und persönliche Einstellungen zu sein, wo auch einer nach dem anderen ausscheidet.

Vom Fernsehen bestimmt, und hier speziell der Werbung, ist das Angebot von MB und Parker. "Jenga" bekommt mal wieder einen Ableger, wo es heißt "Sag’s oder tu’s!", denn die Klötzchen sind mit Aufgaben beschriftet, die zu erfüllen sind. Diverse neue Kästen gibt es zu "Trivial Pursuit", aber auch die "Genus Edition" wurde überarbeitet. Es geht jetzt schneller, eine "Käseecke" zu gewinnen, und die Fragen selber wurden vereinfacht. Das ist eine Konzession an den leider sinkenden Stand der Allgemeinbildung bei der nachwachsenden Spielerschaft. Schweigen wir von "Pokémon Yahtzee", "Pokémon Monopoly" und der xten Neuauflage von "Doktor Bibber" und sprechen lieber von den Spielen des aufgekauften Verlages Avalon Hill, die jetzt auch nach Deutschland kommen. Beides sind alte Bekannte: "Diplomacy", der Klassiker der gemeinen Verhandlungsspiele und "Acquire", ebenfalls ein Evergreen seit über 35 Jahren. Von beiden Spielen waren nur Muster zu sehen, die endgültige Ausgestaltung steht noch aus. Ich bin vor allem gespannt, wie die Regeln zu "Dippy" aussehen werden, denn da gibt es doch einigen Erklärungsbedarf.

Neben vielen Kinderspielen bietet Noris zwei für Erwachsene an, die das Internet ("www.das-quiz.de") und die moderne Finanzwelt ("Banking") erklären sollen. Mein allererster Eindruck: Das eine bringt mir bei, was ein Bildschirmschoner und wer Mr. Gates ist, beim anderen lerne ich, dass Würfelglück die Basis des Reichtums bildet.

In die Vergangenheit

Ich nerve Sie, weil ich von den historischen Spielen abschweife? Gut! An die Loire vor vielen Jahren und in die Rolle eines geplagten Weinhändlers geschlüpft. Modern sind wir ja schon, denn unsere Weinfässer transportieren wir mit dem Dampfschiff. "Die Weinhändler" sind dabei auf die richtigen Karten angewiesen, damit ihnen niemand beim Kunden zuvorkommt oder der Wein gar in der Sonne verdirbt. Bemerkenswert ist, dass Piatnik dem Spiel eine wirklich gute Grafik spendiert hat. Das gilt auch für "Time Pirates", wo die Zeitreisenden Kunstgegenstände in verschiedenen Epochen im Auftrag gieriger Sammler stehlen und dabei der Zeitpolizei entgehen müssen. Auch "Was wäre wenn...?" macht als Partyspiel neugierig, und ein "Jahrtausendquiz" zum Thema Geschichte ist für einen historisch Interessierten immer einen Blick wert.

Ein historisches Spiel, das auf nahezu enthusiastische Zustimmung stieß, ist "Vinci", bereits 1999 in Essen vorgestellt. Lediglich die katastrophale Spielregel wurde kritisiert. Jetzt ist sie komplett überarbeitet worden, und bald können sie die Besitzer der Erstauflage gegen Rückporto beim Verlag beziehen. Für die nächste Ausgabe werden außerdem die Plättchen und der Spielplan noch einmal überarbeitet, so dass "Vinci" dann hoffentlich den verdienten Erfolg am Markt hat.

Doch Descartes/Eurogames bietet noch mehr, eine Reihe von zunächst drei gewollt einfachen Kartenspielen. "Corruption" spielt im Bonn der Neunzigerjahre und .... Oh weh! Es spielt natürlich im Amerika der Dreißiger und öffentliche Bauvorhaben, Richter, Killer und Journalisten sind auch im SPIEGEL. Wieder falsch: im Spiel. Eine Demokratie wird da glatt "Democrazy", über bestehende Regeln setzen wir uns hinweg und machen uns einfach neue! In die fernere Vergangenheit springt dann "Castel", wo die eigenen Karten taktisch in einer Burg abzulegen sind.

Endlich wieder im Mittelalter angekommen, besuchen wir den "Alchimist" bei Clementoni. Sein altes "In 80 Tagen um die Erde" erhielt ein neues Thema und wurde um diverse Interaktionen erweitert. "Kardinal und König" haben schon im 12. Jh. um die Macht im Reich gestritten, und Goldsieber lässt sie dies auch im gleichnamigen Spiel tun. Da werden in den verschiedenen Gebieten Klöster gegründet, königliche Gesandte auf Reisen geschickt und natürlich die betreffenden Karten zusammengestellt, damit die Aktionen überhaupt möglich werden.

Viel weiter geht man mit "Wongar" zurück. Das bedeutet "Traumzeit" in der Sprache der australischen Aboriginees, und deren Kultur bildet auch den Hintergrund. Auf den verschiedenen Feldern des Plans geht es um die Präsentation der meisten Tjurungas, das sind Kultgegenstände. Auch hier beeinflussen Karten das Geschehen. Gestaltung und Spielfluss versprechen ein interessantes Spiel. Danach winkt spielerische Entspannung bei dem Wortspiel "Papperlapapp", in dem aus Begriffen Wortpaare gebildet werden müssen. Und gegen Mitternacht gruselt es mit dem Kartenspiel "Vampir", wo ganze Reihen der Blutsauger gesammelt und ausgelegt werden. Das aber natürlich erst, nachdem man ganze Horden davon an verfluchten Orten getroffen hat.

An solchen Orten muss man "Ohne Furcht und Adel" sein, und das ist der Titel eines Kartenspiels bei Hans-im-Glück. Die Spieler agieren im Mittelalter, sammeln Gold und bauen damit Häuser einer Stadt, die ihnen wiederum Einkommen einbringen. Wer die wertvollste Stadt errichten konnte, gewinnt. Originell ist, dass in jeder Runde geheim eine andere Identität angenommen wird. So zerstört "Der Söldner" Häuser der Konkurrenten, "Der König" leitet die Runde, "Der Meuchler" mordet eine Figur usw. Eine erste Probepartie war interessant. Viel Interesse wird auch "Morgenland" finden, das in Essen als "Keydom" in einem Eigenverlag mit wenigen Exemplaren schnell ausverkauft war. Der Plan ist in verschiedene Gebiete unterteilt, die nacheinander abgehandelt werden. In den Minen sind Schätze zu finden, auf dem Basar kann man Fertigkeiten erwerben und im Palast endlich gibt es die siegbringenden Artefakte. Nur sind die eigenen Kräfte natürlich viel zu knapp, um überall entsprechend präsent zu sein. So setzt man seine Chips verdeckt und hofft, dass es reicht, um die Aktion in dem Gebiet durchführen zu dürfen.

Pech im Spiel

Nicht gereicht hat es leider bei Amigo, das Spiel "San Francisco" zu veröffentlichen. Dort sollte der Wiederaufbau der 1906 nach einem großen Erdbeben zerstörten Stadt nachgespielt werden. Leider gab es massive Probleme mit der Grafik, die jetzt komplett neu erstellt werden muss, was Monate dauern kann. Mir fiel sowieso auf, dass viele Spiele noch nicht produktionsreif waren. Sehr oft lagen nur handgeklebte Muster an den Ständen aus.

Dennoch war folgender Dialog keine Seltenheit: "Wozu ist diese Karte?" "Da gibt es eine Sonderregel. Aber vielleicht lassen wir die Karte auch raus. Die Regeln stehen noch nicht ganz fest." "Ist das denn die endgültige Grafik?" "Nein, die gefällt uns noch nicht, das ist erst ein Muster. Und auch das Zubehör kann sich noch ändern." "Wann erscheint das Spiel denn?" "Wir fangen gerade mit der Produktion an. In wenigen Wochen, spätestens Mitte März, ist das Spiel in den Läden." "Können Sie mir das heutige Datum sagen?" "Ja, wir haben den 6. Februar."

In dieser Situation führte ein Brief der Jury Spiel des Jahres natürlich zu einiger Aufregung. Mir liegt der Text nicht vor, aber einige Verlage teilten mir mit, sie seien im Januar darüber informiert worden, dass die Juroren sich mit einem Spiel besonders sorgfältig befassen können, wenn es bis 31.3.2000 vorliegt. Es hat einige Produktionsverantwortliche nicht gerade glücklich gemacht, erst zweieinhalb Monate vor Ablauf der Frist diese Information zu bekommen. Problematisch soll es besonders bei Spielen sein, die Karten enthalten. Die mittlerweile nur noch wenigen Kartenfabriken haben lange Wartezeiten. Der unglaubliche Boom der Pokémon-Sammelkarten soll die Kapazitäten weitgehend blockieren.

In den vielen Jahren, die ich die Spieleszene beobachte, hatte ich freilich schon oft den Eindruck, dass für manche Verlage die Nünberger Messe immer wieder völlig überraschend Anfang Februar beginnt, und das Programm daher noch arg unfertig ist. Andererseits wird es aber auch zu einem Trend, das Programm zu teilen. Die meisten Verlage haben in Nürnberg schon angekündigt, dass sie im Oktober in Essen weitere besonders anspruchsvolle Spiele veröffentlichen werden.

Aber wir haben unseren Messerundgang bei Amigo unterbrochen und nehmen ihn dort auch wieder auf. "Diskwars" heißt eine interessante Serie, wo Pappscheiben als Spielsteine dienen. Ohne Brett werden auf der Tischplatte Kämpfe ausgefochten, wobei jede Seite ihre Armeen individuell zusammenstellt. Ebenso martialisch ist der Ausbau zum Kultspiel "Robo Rallye" mit dem Titel "Crash & Burn". Jetzt sind die Roboter schwer bewaffnet, neue Bodenplatten kommen hinzu, und diese können auch noch mit weiteren Eigenheiten bestückt werden. Vor allem aber steigt die Spielerzahl auf bis zu acht. Um die Freaks gleich zu enttäuschen: Ich kann leider nicht darstellen, welche Dinge aus den amerikanischen Ausgaben übernommen wurden.

Das von vielen gesuchte turbulente Kartenspiel "Rage" kommt mit kleinen Änderungen ebenfalls wieder und den Familien wird mit "Concerto Grosso", einem Aktionsspiel, und "Alles für die Katz’" lustige Unterhaltung geboten. Letzteres stammt von David Parlett, der 1979 mit "Hase und Igel" die erste Auszeichnung "Spiel des Jahres" erhielt. Dieser Klassiker verschwand bei Ravensburger aus dem Programm und kommt nun bei Abacus wieder neu. Dabei entsprechen die Spielregeln wieder dem Original des Autors. Eine weitere Neuauflage ist "Schweinsgalopp", das 1992 bei Ravensburger "Kinderspiel des Jahres" wurde. Dieses lustige Wettrennen mit Schweinen hat auch Erwachsenen sehr viel Spaß gemacht und kommt jetzt in einer besonders preiswerten, aber dennoch hochwertigen Ausgabe.

Ravensburger Gruppe

Ravensburger hat in diesem Jahr die Trennung der Hausmarken klar vollzogen. FX steht für Partyspiele, Alea bedient den leidenschaftlichen Spieler und das Blaue Dreieck steht für Kinder- und Familienspiele. Das bedeutet, dass sich der "Betriebsunfall" "Tikal", wo ein anspruchsvolles Spiel unter dem Label Ravensburger erschien, nicht wiederholt. "Sky Runner" wurde in Schweden entwickelt und enthält bekannte Elemente, z.B. von "Hol’s der Geier" oder "Adel verpflichtet!". Es gilt, den eigenen Kletterer ein Hochhaus hinaufzuschicken. Die Aktionen und Bewegungen steuert man über Karten, die zugleich aufgedeckt werden.

Zum wunderbaren "Das ver-rückte Labyrinth" gibt es mit "Labyrinth - Das Kartenspiel" eine neue Fortsetzung. Und auch "Das Geheimnis der Pyramide" setzt zumindest optisch auf "Der zerstreute Pharao" und "Sphinx" auf. Die Ideen hingegen sind doch recht konventionell. Das gilt zwar auch für "Foto Rummy", aber zum einen ist die Präsentation sehr attraktiv. Zum anderen ist es schon pfiffig, Serien aus Fotomotiven zu bilden, denen das gleiche Land zu Grunde liegt. "Yummy" ist ein Kartenspiel, das wir 1999 noch als "Dummy" bei Klee fanden.

Alle Kraft wurde wohl in die neuen Electronics gesteckt. Da gibt es "Handhelds" zu den bekannten Brettspielen, wie "Fits" oder "Sphinx", neue Kinder-PCs und vor allem die Serie "Story Teller". Dahinter verbirgt sich eine ganz neue Schnittstelle zwischen PC und Kind. Gestaltet als Buch oder Teddy spricht die Maschine mit dem Kind, erzählt ihm Geschichten, hört ihm aber auch zu und antwortet. Sind mehrere "Story Teller" im Raum, kommunizieren diese sogar untereinander. Sollen so die vorlesenden Eltern substituiert werden, sind virtuelle Kinder als kompatibles Interface für die "Story Teller" noch nicht geplant. Dafür wurde der Vorschlag eines Kollegen, die nächste Pressekonferenz von den Maschinen durchführen zu lassen, nicht gänzlich zurückgewiesen.

Bei den Spielen von FX habe ich ein Problem. Die Spielideen sind so dünn, dass ich mit zwei, drei Sätzen den rezensierenden Kollegen glatt die Arbeit wegnehmen würde. "Confusion" setzt auf den Gag, mit Würfel eine Farbe sowohl farblich darzustellen als auch niederzuschreiben. Nun muss ganz schnell erkannt werden, ob Farbwort und Farbe übereinstimmen oder nicht. Bei einem Fehler hüpft man eventuell gackernd um den Tisch. "Dilemma" stellt die Schicksalsaufgabe, eine Spielkarte schnell und fehlerfrei in einen Behälter zu werfen. Gelingt dies, winkt als Belohnung ein einfaches Knobelduell. Das Spiel bietet einen eindeutigen Zusatznutzen, denn in dem Behälter kann man (kleine) Portionen Erdnüsse anbieten.

Ganz anders sind da die Spiele bei Alea angelegt. "Tadsch Mahal" wurde in Essen als Prototyp vorgestellt, und nicht nur die Aufmachung war überzeugend. In verschiedenen Provinzen Indiens wetteifern die Spieler um Handelsgüter und den Bau von Palästen. Jede Runde wird ein Gebiet abgerechnet und im Laufe des Spiels können sich die Gewichte noch entscheidend verschieben. Man muss eben seine Position auch unter langfristigen Aspekten ausbauen. Mir hat das geschickt ausbalancierte Zusammenspiel der verschiedenen Mechanismen sehr gut gefallen. "Die Fürsten von Florenz" sollen zwar ebenfalls "noch im März" erscheinen, mehr war aber nicht zu erfahren. Die vorgestellte Grafik sah jedenfalls sehr gut aus. Außerdem wechselt "Adel verpflichtet!" von FX zu Alea.

Skurriles

Die Runden, die ich auf der Nürnberger Messe drehe, bestehen aber nicht nur aus Terminen mit den Verlagen und endlosen Spielepräsentationen. So mancher Kilometer wird einfach so zum Vergnügen abgelaufen. Dabei begegneten mir zwei in Samurairüstungen gewandete Krieger, die ich sofort als Werbeträger für irgendeine Actionserie einschätzte. Tatsächlich waren es zwei ganz normale (?) Besucher, die wohl nach den Erfahrungen mit den Spieltagen in Essen diese Gewandung für das angebrachte Messe-Outfit hielten. Dabei führten sie mich freilich an einen Stand, wo es die "Meanys" gab, also "Die Gemeinen". Einer ähnelte dem "Furby", hatte sich aber alle Haare ausgerissen, um nicht mit seinen Verwandten verwechselt zu werden, und war absolut stumm. Eine Art "Teletubbie" war arg zerdötscht und trug den Bildschirm auf dem Gesäß. Jedenfalls waren diese Puppen zum "High Noon" des Freitags auf Grund einer einstweiligen Anordnung nicht mehr zu sehen. Weiterhin gab es freilich einen Sezierset für Aliens und deren Gedärme im Weckglas, einen unbekleideten Clinton mit Praktikantin, ein krümelsaugendes Auto für den Frühstückstisch und einen "Sicherheitsregenschirm" mit integriertem roten Blinklicht und Taschenlampe. Wen wundert da noch der Jutebeutel mit Fellstrippe, der als "Katz im Sack" verkauft wurde oder der "Snowman Construction Kit", beinhaltend eine Mohrrübe und zehn Eierkohlen, alles aus Plastik?

Ein ganz anderer Adel spielt die Hauptrolle im "Kiezkönig", einem monopolyähnlichen Spiel bei Heidelberger, das in einer gigantischen Schachtel wenig Neues präsentiert. Über die geplanten Partyspiele kann ich wenig sagen. "Nichts als Ärger!" waren Ereigniskarten zu "Mensch-ärgere-Dich-nicht!" und auch diese werden noch ausgebaut. Das gilt auch für Schmidts Original, das durch "Mensch-ärgere-Dich-nicht! Das 3-Dreh Spiel" Zuwachs in der dritten Dimension bekommt.

Interessanter für uns ist sicherlich "Zèrtz", das neueste Spiel im "Project GIPF". Blitzschnell wird mit Kugeln auf einem kreisrunden, sich verändernden Plan agiert, um so die laufende "GIPF"-Partie zu beeinflussen. Gehen wir in die Vergangenheit nach "Eschnapur", wo die Spieler mit Taktik und etwas Verhandlungsgeschick die Schatzkammern des sagenhaften Palastes leerräumen wollen. Auf dem Weg zu den "schwarzen Kassen" hilft ein geheimnisvoller Mönch, der stilecht durch eine Budda-Statue dargestellt wird. Auch hier wieder werden die Aktionen durch Karten bestimmt, die natürlich immer zu knapp sind. Bleiben noch die reinen Kartenspiele, wo die Serie von ASS jetzt bei Schmidt erscheint. Ergänzt werden sie durch "Böse Buben", "Das Kollier" und "Protzen", die recht interessant aussehen. Außerdem hat Schmidt jetzt die Kartenhits von Rosengarten übernommen: "Ligretto", "Newsmaker" und "Obalistig". Einen "Volltreffer" will Berliner Spiele landen. Um im Zielbereich zu landen, muss ein Kartenspiel gewonnen werden, das unterschiedliche Elemente interessant zusammenführt.

Kinder, Kinder

Habe ich tatsächlich die Kinderspiele unerwähnt gelassen? Das ist zwar nicht mein Spezialthema, aber alle Verlage haben darin ein gutes bis sehr gutes Angebot. Dafür einige wenige Beispiele: "Molly Maulwurf" wird bei Haba gesucht. Findet man die Kugel unter dem Plan, steckt der Maulwurf seinen Kopf heraus, ausgelöst durch einen ebenso simplen wie genialen Mechanismus. Und bei "Piraten-Pitt" schmuggeln die Matrosen die Schätze in der Seekiste, dürfen aber nicht vergessen, in welchem Fach die Klunker liegen. Das sind nur zwei Beispiele für die Haba-Spiele. Sie sind nicht nur perfekt gestaltet und besitzen eine pfiffige Spielidee, es kommt immer noch ein tolles Detail dazu.

Auch Klee hat sich auf Kinderspiele konzentriert, und das Ergebnis kann sich gut sehen lassen. "Rabatz auf dem Riesenrad" von Klaus Teuber ist eine schöne Sammlung verschiedener Spiele, die alle auf einem großen, beweglichen Riesenrad ablaufen. Aber auch eine Reihe von Märchenspielen gefällt, wo sich nicht nur die Geschichten nacherleben lassen, sondern auch die Eltern aufgefordert sind, die alten Sagen ihren Kindern wieder zu erzählen. Staupe setzt auf Kartenspiele für Kinder und mit "Rinks & Lechts" können auch Erwachsene irgendwann mal die Richtungen nicht mehr auseinander halten. "Fritze Flink" bringt selbst die Eltern dazu ihren Wortschatz zu erweitern. Und wenn "Wo ist die Kokosnuss?" gefragt wird, müssen sich alle ganz genau die ausliegenden Karten merken. Diese sehr preiswerte Spieleserie überzeugt wirklich.

Das "Kinderspiel des Jahres 1998" "Zicke Zacke Hühnerkacke" bekommt jetzt eine "Seevögel-Erweiterung" mit "Zicke Zacke Entenkacke". Mit einigen Enten und den entsprechenden Ausscheidungen wird das Originalspiel noch erweitert. Die "Seevögel" leitet über zum "Siedler"-Verlag Kosmos. Zu den "Sternenfahrern" gibt es jetzt doch die Erweiterung für 5 und 6 Spieler. Neue Präsentationen der "Siedler"-Regeln wird es für die absoluten Laien geben. Zum einen ist das ein Leporello mit einer Musterpartie, zum andern wird man mit Videos experimentieren, die im Laden verliehen werden.

Kosmische Spiele

Neue kosmische Spiele? Wie soll ich objektiv urteilen, wo sich der Präsentator von "La Città" doch als treuer spielbox-Leser vorstellte? Jedenfalls setzt man im Verlag auf sehr anspruchsvolle Spiele, bei denen die Spieler voll gefordert werden. In "La Città" soll eine Renaissancestadt ausgebaut werden. Dabei ist der zunächst unbekannte Geschmack der Bürger durch die Einrichtungen der Gemeinde zu treffen. Strömen die Neubürger aber erst mal durch die Tore, müssen auch die nötigen Ressourcen, wie Lebensmittel und Wasser, bereitstehen. Das verspricht eine komplexe Simulation, wo an vielen "Stellschrauben" gedreht werden kann.

Ähnlich herausfordernd ist "Der weiße Lotus" im China der Ming-Dynastie. Karten regeln den Machtkampf in verschiedenen Provinzen. Deren Wert ist ebenfalls offen. Es geht zu weit, hier detaillierter zu werden, aber das Spiel wird einige Anstrengung erfordern, um es zu beherrschen. Erholen wir uns auf dem "Planet der Wunder", wo die Wissens-Spiele durch eines mit naturkundlichem Hintergrund ergänzt wird. Und mit "Blitz und Donner" wird er Ehekrieg im Hause Zeus mittels Karten ausgetragen. Das ist ein weiterer Beitrag zur erfolgreichen Serie der Zweierspiele. Noch eine Abschweifung: Kosmos bringt eine Rakete heraus, die mittels einer Luftpumpe gestartet werden kann, und bis zu 60 m hoch fliegen kann.

Hoffentlich gelingt Queen in diesem Jahr der Start, denn das Programm sieht sehr gut aus. In "Laguna" zieht man mit Flößen über eine tropische Inselwelt. Dabei ist es wichtig, räumliches Vorstellungsvermögen zu beweisen. In den Öffnungen der Flöße dürfen keine Riffe auftauchen, aber das kann durch Umstapeln der Fracht vor dem Zug verhindert werden. Ein "Silberzwerg" gräbt mit seinen Kameraden nach Schätzen und versucht, die Ware möglichst günstig abzusetzen. Vor allem aber muss das eigene Zwergenteam optimal zusammengestellt und eingesetzt werden. "Metro" kennen die Experten als "Iron Horse" aus dem Eigenverlag des Autors D. Henn. U-Bahn-Linien sind möglichst lang auszubauen. Mit ganz einfachen Regeln ergibt sich ein spannendes Spiel, das eine sehr gute Mischung aus Taktik und etwas Glück bietet. Leider ziehen manche aus dem ersten Eindruck eine Parallele zum bekannten "Linie Eins". Aber einerseits ist "Metro" ein völlig unterschiedliches Spiel. Und andererseits entstand "Metro" als "Elektron" mit einem ganz anderen Thema viel früher. Um die Kartenschlacht "Lift off" zu beherrschen ist ein extrem schnelles Auffassungsvermögen und viel Training erforderlich. Weitere Spiele sind bei Queen in Vorbereitungen, und die ersten Informationen klingen sehr interessant.

Noch einige Tipps gefällig? "90 Grad" von Holzinsel vielleicht, wo Holzkugeln auf einem Brett einen spannenden Verdrängungswettbewerb führen. Oder "Kardinal" vom selben Verlag, der den scheinbar ganz einfachen Bau einer mittelalterlichen Stadt beeinflusst. Das entpuppt sich aber schnell als spannende Aufgabe, die durch das schöne Material noch attraktiver wird. Falkhof und Sohre haben für Theta ein völlig neues Material geschaffen, das fast alle positiven Eigenschaften haben soll: leicht, preiswert, einfach zu verarbeiten, billig, extrem variabel..... In "Magische Jäger" erscheint es jedenfalls überzeugend sowohl als Knochen wie als Stein. "Hyano" von Drei Magier lässt einen indianischen Tanz mit Karten nacherleben. Winning Moves hat pünktlich 1.200 Jahre nach der Kaiserkrönung des "Carolus Magnus" das passende Strategiespiel herausgebracht. Die Kontrahenten bauen Burgen in den verschiedenen Provinzen und schließen diese zu größeren Gebieten zusammen. Die ersten Reaktionen auf das Spiel waren sehr positiv. Dann wird es neben anderen auch noch das Kartenspiel "Riffifi" geben.

Tief im Süden

Die in Nürnberg vorgestellten Spiele kann man sowieso erst beurteilen, wenn sie endgültig vorliegen und in Ruhe gespielt wurden. Ebenso interessant ist es aber auch, das auf der Messe ablaufende "Spiel des Lebens" zu beobachten. In der diesjährigen Partie fiel auf, dass die üblichen Gerüchte weitgehend fehlten. Früher vertraute einem der eine oder andere unter dem strengsten Siegel der Vertraulichkeit an, was denn der absolute Geheimtipp sei, in diesem Jahr habe ich in der Beziehung nichts gehört.

Auch fehlte ein wenig das Publikum, denn trotz gegenteiliger offizieller Zahlen fand ich die Messe doch recht besucherschwach. Alle Indikatoren meines persönlichen "Konjunkturbarometers", in 16 Messejahren gänzlich unwissenschaftlich entwickelt, zeigten auf "Tief". Es gab kaum Promotion in den Gängen, die Besucher trugen nur wenig in den Händen, d.h. die kleinen Giveaways fehlten, Schlange stehen mussten sie auch nur selten, und zu guter Letzt agierten die Standbesatzungen zurückhaltend und waren eher trist gewandet.

Im Sektor Spiele kann dieser Eindruck durch negative Absatzzahlen untermauert werden, aber es gibt gute Chancen, dass dies nur eine Atempause auf hohem Niveau ist, nachdem der Spielesektor lange rasant gewachsen ist. Auch noch so Spielebegeisterte haben mittlerweile überquellende Regale und kommen kaum noch dazu, alle interessanten Neuheiten zu spielen. In dem Sinne ist es ebenso klug wie erfreulich, dass sich die Verlage bei der Zahl der Neuheiten zurückgehalten haben, dies aber nicht zu Lasten der Qualität ging.

Berthold Heß

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