Der folgende Bericht von der Nürnberger Spielwarenmesse erschien in Heft 1/97 der Zeitschrift "spielbox" und wird hier mit freundlicher Genehmigung der Redaktion veröffentlicht.
Ein Taxi bringt uns zum Aachener Bahnhof. Zum 13. Mal fahren wir zur Nürnberger Spielwarenmesse. Die wird zwar erst am Donnerstag eröffnet, dafür laufen heute bereits die Pressekonferenzen und die Neuheitenschau.
Ravensburger eröffnet mit einer gekonnten Show die Pressearbeit. Große Summen werden sie 1997 investieren, die Diagramme flimmern über die Leinwand. Tatsache ist aber, daß der Spielemarkt in Deutschland durchhängt. Zuwächse kommen aus anderen Bereichen und den Puzzles.
Bei den Spielen gibt es widersprüchliche Signale, auch im aktuellen Repertoire. Zum einen bringen Klassiker statt Neuheiten den Umsatz, zum anderen gibt es doch wieder einige interessante neue Spiele. Neben etlichen Kinderspielen und den zwei einfachen kleinen Kartenspielen "Fiasko" und "For Sale" sind dies "Shanghai" und "Der zerstreute Pharao".
Hinter "Shanghai" verbirgt sich eine Variante des "Das Erbe des Maloney" nach Ideen von Sid Sackson, das schon 1988 bei Ravensburger auf viel Kritik stieß. Ich hätte erwartet, daß man bei einer Neuveröffentlichung auf Sacksons ursprünglichen Entwurf "Holidays" zurückkommt. Auf viel Zustimmung stieß dagegen der "Pharao", ein nettes Familienspiel von G. Baars, das in diesem Heft genauer vorgestellt wird. Damit ist zugleich ein Minitrend der Messe angesprochen, denn Spiele mit Herrschern oder Rittern gab es relativ häufig.
Flaggschiff bei Ravensburger ist aber "THINK", eine Serie von zunächst sechs, ab Herbst dann acht, Produkten, mit denen spielerisch Gehirntraining betrieben wird. Diese Serie bedeutet zugleich die Rückkehr der "Buchschachtel" bei Ravensburger. Im Vertrieb setzt man auch besonders auf den Buchhandel. Jedes Set enthält ein Buch, außerdem Spielmaterial oder auch eine Musik-CD, und trainiert ganz gezielt ein bestimmtes Gebiet. So geht es z. B. um Entspannung und Konzentration, das Merkvermögen oder logisches Denken. Von "Ein geniales Produkt, das neue Horizonte öffnen wird!" bis "Geniale Geschäftemacherei, für ein Heft und ein Tangram 70 Mark zu nehmen!" reichte die Palette der Aussagen. Für Spieler dürften vor allem der "Mindpack" (de Bono) mit Strategiespielen und "Memo Crime" (Kobbert) mit einem Krimispiel interessant sein.
Wechseln wir vom Termindruck gehetzt den Saal zur nächsten Pressekonferenz.
Bei Schmidt Spiele herrscht gedämpfte Stimmung. Der Umsatz ist abgesackt, konkrete Zahlen will man auch auf Nachfrage nicht nennen. Synergie bei der Lizenznutzung soll die Wende bringen. Damit ist gemeint, daß man "exklusiv die ganze range besetzt", also Mickey for Kids, 101 Dalmatiner, Hercules, Tigerentenclub, Traumhochzeit usw. als Würfelspiel, Lotto, Plüschtier oder Kinderknete anbietet. Zu letzterer wurde sogar angeboten, sie als Beweis der Ungiftigkeit auf offener Bühne zu verspeisen. Leider war das Produkt gerade nicht zur Hand.
Dafür konnte man das neue Spieleprogramm besichtigen, fast nur Kommunikationsspiele. "Balderdash", eine Variante des "Lexikonspiels", und "SinnSens" sind Wortspiele, "Rondo" ist, so bei der Präsentation wörtlich "die neue Art, dreidimensional zu scrabbeln". Richtig interessant aber war "Visionary", wo mit verbundenen Augen und nur auf Zuruf ein Gebäude aus Holzteilen aufzubauen und zu ertasten ist.
Auf Nachfrage erfahren wir, daß das in Essen angekündigte Formel 1 Spiel nicht erscheinen wird, dafür aber das neue Acquire, wenn auch erst im Herbst. Daher war das an die Presse verteilte einfache Würfelspiel nicht unbedingt als Motto zu verstehen. Das Spiel heißt nämlich "For Get It".
Wirtschaftlich besonders wichtig sind in diesem Jahr aber die Puzzles und das nicht nur bei Schmidt. Eine "Innovationsinvasion" seien die neuen Puzzles, besonders die Flaschenpuzzles, Sculpture-Puzzles und die 3D-Puzzles. Bei denen hat Schmidt exklusiv bündige Ecken und Kanten, weil "die patentierte Scharnier-/Ecklösung eine elegante Kantenumlegung erlaubt." Die Sculpture-Puzzles sind ebenfalls dreidimensional und werden Schicht für Schicht aufgebaut.
Nach einem kurzen Abstecher zum Büfett quetschen wir uns durch die total überlaufene Neuheitenschau. Einst wurde Klee-Spiele für seine Edition anspruchsvoller Spiele ausgezeichnet. Jetzt sehen wir die RTL-Edition mit den Spielen "Unter uns" und "Gute Zeiten Schlechte Zeiten" (1996), beide immerhin vom Autor R. Siegers. Das Rollenspiel "Midgard" ist nicht mehr im Programm, das finde ich jetzt beim Verlag Pegasus.
Weiter geht es zum Probespielen bei F.X.Schmid, seit neuestem zu 100% im Besitz der Ravensburger. Das merkt man dem Programm aber noch nicht an. Noch heißt es "Lang lebe der König!", ein neues, verzwicktes Spiel im mittelalterlichen England, das ebenfalls hier vorgestellt wird. Wenn auch die Redaktion von FXS eigenständig bleiben soll, läßt doch die für die nächste Messe beabsichtigte Integration in einen gemeinsamen Katalog eine weitergehende Angleichung und ein Verwischen der Marke FXS befürchten.
"Zum Kuckuck" sagen wir trotzig, und zocken mit einem kleinen Kartenspiel von S. Dorra. Besonders freut uns, daß zwei Sets "Take it easy" zu einem XXL für bis zu acht Spieler zusammengelegt wurden. Viele Spielefreaks hatten schon länger mehrere Spiele zu einer Runde zusammengepackt. Aus den USA hat man nach "Phase 10" auch noch das gleichnamige Würfelspiel übernommen, das noch besser als das Kartenspiel sein soll. Mit "Haste Worte", einem Streßspiel nach Art von "Outburst", ist die Liste der Neuheiten noch längst nicht beendet, aber unsere Aufnahmefähigkeit erschöpft.
Wir beschließen, schweren Herzens die Ravensburger Veranstaltung zu "THINK" ausfallen zu lassen, unser Gepäck ins Hotel zu räumen und bei einem guten Abendessen die Eindrücke zu besprechen. Im Nachhinein fällt uns noch auf, daß in den Spielregeln bei F. X . Schmid ausdrücklich darauf hingewiesen wird, daß sie nach den Vorschriften der Rechtschreibreform erstellt sind. An was man nicht alles denken muß!
Pressefrühstück bei den Verbänden des Handels, wo die Trends bestätigt werden. Spiele laufen mäßig, Puzzles gut, die Familie der "Siedler-Spiele" stellt ein eigenes Phänomen dar. Das Sortiment verschiebt sich zu Fan-Artikeln, Sportgeräten und Trendartikeln. So wird der Spielwarenhandel immer mehr zum Freizeitwarenhandel. Gleichzeitig steigen Lebensmittel- oder Möbelläden verstärkt bei Spielen ein. Bestimmte Spiele, vor allem das Spiel des Jahres, werden als Lockartikel eingesetzt. Solchermaßen mit Informationen und Nahrung gestärkt gehen wir auf den langen Marsch durch die Hallen.
Bei Abacus erwarten uns gleich mehrere positive Überraschungen. Die riesige "Inkognito"-Schachtel von MB ist zu einem winzigen Kartenspiel geschrumpft, das aber genau die gleiche Grafik zeigt. Auch vom Spielgehalt her soll die Kartenvariante dem Brettspiel, einem Klassiker von Alex Randolph, in Nichts nachstehen. "Wucherer" gab es bislang nur bei F. Friese im Eigenverlag, jetzt kommt es bei Abacus und "mit einer verständlichen Spielregel!"
Der Hit aber ist "Husarengolf", eine Art hölzernes Tablett mit vier Handgriffen. Das Tablett zeigt 8 Löcher: Die beiden Spieler halten es an den Griffen und versuchen, eine Kugel in ihre Löcher zu bugsieren. Ein herrlicher Spaß!
Nebenan bei Noris gibt es endlich wieder neue Spiele zu sehen. Neben einigen einfachen Karten- und Kinderspielen fällt eine noch leere Schachtel auf. "Schmuggler" heißt das Spiel von Michael Rüttinger, das mit viel Bluff und etwas Taktik funktionieren soll.
Lassen wir uns überraschen und wandern zunächst weiter zu Amigo. Die Enttäuschung ist groß, Sid Sacksons "Can't Stop" wird tatsächlich nicht erscheinen. Aber dafür ist das seit langem versprochene "Bohnanza" endlich da, ein interessant erscheinendes Kartenspiel von Uwe Rosenberg. Mit einer wunderschönen Grafik wird "Es war einmal..." präsentiert, eine altbekannte, aber interessante Spielidee, bei der ein Märchen erzählt werden muß. "Eureka" bezeichnen wir gnadenlos als "Glücksrad"-Variante, leider ohne Frau Gilzer. Einige Kinderspiele runden das nette Programm ab.
Wir ziehen weiter zu Jumbo. Dort herrscht Konfusion, der Geschäftsführer wird gerade ausgewechselt, ebenso die Pressebetreuung, und zu allem Überfluß verliert man auch noch zum 1.7.1997 die Rechte an "Scrabble", einer der tragenden Säulen des Umsatzes. Dennoch finden wir jemanden, der uns die neuen Spiele zeigen kann.
Von "Schlappe Ritter" verstehen wir nur, daß es ein Familienspiel ist. Bei "Touché" geht es da schon besser. Spielkarten bestimmen, wo auf einem Plan die Spielsteine gesetzt werden. Die Steine müssen in bestimmten Mustern angeordnet sein, um zu gewinnen oder auch gegnerische Steine zu schlagen. "Yali" habe ich als Handmuster schon einmal gespielt, aber ich weiß nicht mehr, wann und wo. Dabei ist das Spiel sehr einprägsam, denn es wird auf einer Wippe gespielt. Metallkugeln dienen als Spielsteine. Das Zugrecht wechselt, wenn die Wippe sich einer Seite zuneigt. Später fällt es mir dann wieder ein, der Prototyp war "Arkanum" von Tom Schoeps, 1994 bei Pro Ludo auf den Essener Spielertagen vorgestellt. Leider läßt sich nicht mehr feststellen, wie weit die Ähnlichkeit geht.
Auch bei Jumbo stoßen wir auf die neue Rechtschreibung, denn dazu gibt es "Das grosse Dudenspiel der Deutschen Sprache". Bevor wir uns in Spagetti und Majonäse verfangen, sehen wir uns die Puzzles an. Das Puzzle mit einem funktionierenden Uhrwerk hat ein neues Design bekommen, außerdem gibt es einige Puzzles, in die Lichterketten eingelassen sind. Erleuchtung verspricht man uns bei Hugendubel. Passenderweise gibt es nämlich ein Buch "Fitneß für den Kopf", nach dessen Lektüre man sicherlich leichter die Rätsel aus W. Kramers neuem Buch "Die Rätsel der Pyramide" lösen kann.
So langsam werde ich nicht nur müde sondern denke auch ernsthaft über die Notwendigkeit von etwas Kopftraining nach. Der Eindruck wird noch verstärkt, als man mir am Stand der Ravensburger die "THINK"-Serie noch einmal ausdrücklich ans Herz legt bzw. dem Verstand empfiehlt. Neugierig geworden, frage ich nach der neuen Rechtschreibung. Tatsächlich, auch hier werden die Regeln im Zuge der Neuauflagen angepaßt.
Die obligatorischen Puzzleneuheiten leuchten jetzt (exklusiv) mehrfarbig im Dunkeln, wenn auch ohne (Jumbo-)Lichterketten. Außerdem gibt es eine Weltkarte aus 9.000 Teilen. Da frustet etwas, daß EDUCA aus Spanien jetzt sogar eines mit 10.000 Teilen vorstellt. Daneben stehen Puzzles aus Italien, die in einen verzierten Rahmen eingepaßt werden, und sogar Pizza-Puzzles nach dem Motto: "Jedem seinen Belag!"
Jetzt wird es doch endlich Zeit für einen Verlag ohne Puzzles und Denkspiele! Bei Queen Games darf ich das erste Muster von Dirk Henns "Showmanager" bewundern, das zunächst im Eigenverlag bei db-Spiele als "Premiere" erschien und in diesem Heft vorgestellt wird. Gegenüber der db-Ausgabe hat sich nur die Grafik und der Titel geändert, die Spielqualität ist gleich gut geblieben. Als zweite Neuheit darf ich mich über "Die Kette von Saba" von Martin Ebel freuen, das in Kleinauflage als "Das Kollier der Königin von Saba" bei der Edition Perlhuhn erschienen und jetzt ein gesuchtes Sammlerstück ist.
Ganz neue Spiele erklärt uns Reinhard Staupe bei Berliner Spielkarten. Nach langer Abstinenz bietet der Verlag wieder Autorenspiele an. Kramers "Der Schatz des Pharaos" ist ein nettes Spiel mit Abenteuerthema. "Finito" (Staupe) und "Um Kopf und Kragen" (Dorra) sind Kartenspiele, die einen besonderen Pfiff haben könnten.
Positiv gestimmt wechseln wir zu Editrice Giochi, die nach den tollen Spielen aus 1996 jetzt enttäuschen. "007 James Bond" liegt nur in Teilen vor und kann auch nicht erklärt werden. Das Handmuster von "Fair Play" läßt zumindest erkennen, daß es sich um eine Autorallye handelt.
Dann gibt es eine lange Diskussion bei Eurogames über die harsche Kritik, die am "Geheimnis auf dem Nil" geäußert wurde. Neu sind "Formule Dé", eine Neuausgabe dieses Kultspiels, die sicherlich einschlagen wird. Avalon Hills "Hannibal" wird ebenfalls erscheinen und dann noch "Ritter ohne Furcht und Tadel" (Witt), ein recht würfelreiches Spiel. Es geht um Ritter, die für die Ehre ihrer Damen im Turnier kämpfen.
Der Tag neigt sich, wir verlassen die Messe und fahren zu einem abseits in völliger Einöde gelegenen Gasthof. Spieleabend bei Goldsieber ist angesagt! Bei unbeschreiblichem Krach und Qualm sehen wir uns die Neuheiten an. Und die immerhin zwölf Stück sind auch sehenswert. Prunkstück ist ein Spiel um die Macht im Königreich von Teuber: "Löwenherz". "Carabande" bekommt Erweiterungsstücke für die Rennstrecke, "Top It" scheint ein interessantes Legespiel zu sein. "Mississippi Queen" sieht schon vom Material her gut aus und stellt ein Wettrennen von Raddampfern dar. "Njet!" und "Manitou" sind zwei von fünf neuen Kartenspielen, die besonders auffallen. Zwei weitere Kinderspiele, eines von Teuber, runden das Programm ab. Noch eine Anmerkung zum Schluß: Klaus Teuber erfindet weiterhin Spiele, auch wenn bei Goldsieber im Prospekt steht: "Klaus Teubers Werk ist vollendet".
Heute sind wir recht spät dran. Zunächst laufen wir einige Stände ab, um Informationen für weitere Artikel zu bekommen, dann stürzen wir uns wieder in die Messearbeit.
Bei Hans-im-Glück bekommen wir die "Münchner Variante" vom Spiel des Jahres 1996 "El Grande". Diese hatten die Spieletester des Verlages den Karten von Kramer/Ulrich vorgezogen. Für eine Veröffentlichung erschien dann aber die andere Version, insbesondere für das Spiel zu zweit, geeigneter. Jetzt gibt es "für Fortgeschrittene" die neuen Karten unter dem Titel "König und Intrigant", die mehr Taktik ins Spiel bringen sollen. Weitere Karten sind geplant, und als Vorgeschmack gab es bereits einige weitere Sonderkarten. Auch "El Grande" könnte sich so zu einer ganzen Spielefamilie weiterentwickeln.
Wir schließen einen kurzen Besuch bei Mattel an, wo wir von Barbie & Co. fast erschlagen werden. Spiele gibt es wenig, aber "UNO", und ab 1.8.1997 auch "Scrabble" machen ihren Umsatz. Daneben hält sich wacker "Café International" im Programm.
Und jetzt gehen wir einer Begegnung der besonderen Art entgegen, denn nun treten wir ein in die "guided tour" über den Stand von Hasbro. Absolut professionell, von der Gepäckaufbewahrung bis zur Produktpräsentation, werden wir mit Informationen abgefüllt.
Auch hier sind Puzzles das Thema. Ein Uhrpuzzle mit funktionierendem Uhrwerk finden wir selbstverständlich, von den 3D-Puzzles gibt es enorm viele, und die Kanten sind "natürlich eckig, das paßt einfach besser zum Produkt". Viele Motive der 3D-Puzzles sind übrigens so gestaltet, daß sie als Touristensouvenirs verkauft werden können. Eine gute Idee! Hasbro Creative ist ein Schlager mit dem Nachbau ägyptischer Schätze in Gips., Saurierknochen, Unterwasser-Sets in Glibberbrühe, Mini-Backöfen oder einer winzigen Schokoladenfabrik.
Ach ja, die Spiele! "Star Wars Monopoly" bringt Fotos aus den Filmen neben Feldern mit den Gefängnis- oder Parkenfeldern in der ursprünglichen Grafik auf das Spielbrett. Ein wirklich sehenswertes Erlebnis, das aber auf 5.000 Exemplare limitiert sein soll. Dann gibt es eine andere Version. "Atlantis" kannten und schätzten wir in den vergangen Jahren bei Schmidt Spiele. Dieses spannende und geschmacklose Spiel, bei dem man seine Leute von dem untergehenden Atlantis retten muß, und zugleich die Konkurrenten absaufen läßt, taucht jetzt also bei Hasbro wieder auf.
"Sequence" ist das erste Parker-Spiel, das normale Spielkarten enthält. Hier bestimmen Karten, wie Spielsteine auf einem Brett zu setzen sind. Erinnerungen an "Cartino" (Ravensburger Casino) und "Touché" (Jumbo) tauchen auf. Das sehen wir uns noch einmal näher an. Endlose Lizenzspiele, Computerspielversionen der Klassiker "Cluedo", "Risiko" usw. Neuausgaben von "Tabu", "Trivial Pursuit", "Cluedo" usw. schließen sich an. Ich verlasse den Hasbro-Stand wie immer total fasziniert und erschlagen. (Knut-Michael Wolf erlebte das übrigens fast wörtlich, denn bei seinem Besuch knallte ein Monitor direkt neben ihm von der Decke.)
Jetzt gehen wir zu einem ganz kleinen Stand und sehen uns die schönen Holzspiele von Theta an. "Saturn" oder "Jupiter" wird ein tolles Spiel heißen, wo hölzerne Monde auf den drei Ringen des Planeten abgelegt werden. Diese Ringe sind freilich beweglich und müssen trotz der neuen Monde in der Balance bleiben. Erfreut stellen wir fest, daß auch die übrigen Spiele trotz Konkurs der ASS weiterhin lieferbar sein werden.
Bleiben wir im Thema und gehen zu ASS, die jetzt auf dem Stand des neuen Eigentümers Blatz residieren. Sofort fällt auf, daß ASS optisch ein Eigenleben führt mit eigenem Katalog und eigener Präsentation. Neuheiten gibt es nach den Turbulenzen der Vergangenheit natürlich wenige. "Volle Hütte" (Dorra) will man in seinen Kneipen haben, während die der Gegner möglichst leer bleiben sollen. "Kwiiietsch" macht es dagegen bei einem netten Kinderspiel von D. Hanneforth.
Bei Blatz hat R. Knizia mit "Mole Hill" ein Taktikspiel über den Kampf zwischen Maulwurf und Gärtner erdacht, und S. Dorra fordert die Zocker in der "Banque Fatale" heraus. Langsam fragen wir uns, ob es in diesem Jahr einen Verlag ohne ein Spiel von Stefan Dorra gibt.
Das ist zumindest bei Piatnik der Fall. Wie ein Schrotschuß kommen mehr als ein Dutzend Neuheiten auf den Markt, von denen ich nur einige erwähnen kann. "Top Hats" ist ein abstraktes Spiel, das den Verstand fordert. "Das Herzblatt-Spiel" nach der Fernsehserie wird sicherlich ein Erfolg werden. "Verrückt verknotet" zwingt die Spieler zu absurden Stellungen und könnte auch als Partyspiel ganz lustig sein (laut Auskunft am Messestand ist es die Umsetzung des alten und wieder neu aufgelegten MB-Spiels "Twister"). Zu dem uralten Spieleklassiker aus Finnland (!) "Stern von Afrika" gibt es jetzt auch ein gleichnamiges Kartenspiel. Daß "Da Capo" mit überarbeiteter Regel als "Fish & Chips" weiter im Programm ist, freut mich besonders.
Zum guten Schluß und nach langem Marsch durch die Hallen gibt es noch ein paar Kekse und einen Saft bei der "Siedler"-Firma Kosmos. Die "Seefahrererweiterung", in der spielbox schon erwähnt, ist endlich da. Die Schachtelfarbe reicht von Barbie-Pink bis Kirchentags-Lila, aber der Handel ist begeistert. Ich fand das Spiel so gut, daß die Verpackung gleichgültig ist. Wie angekündigt, sind auch das Turnierset zum "Siedler"-Kartenspiel und eine Computerversion des Kartenspiels in Vorbereitung. Die Umsetzung des Brettspiels auf den Computer wird dagegen noch auf sich warten lassen.
Interessant ist der Kult um die "Siedler": Da gibt es Versionen ganz in Holz, eine Freiluftversion, eine Gruppe spielt mit fünf Spielen und 16 Spielern zugleich. Und trotz des Erfolgs mit den "Siedlern" gibt es weitere neue Spiele bei Kosmos. "Beim Zeus" (Palesch) ist ein Spiel um den Bau von Tempeln, "Das Gold der Maya" (Rodriguez) ein Legespiel, wo alte Schrifttafeln zusammengesetzt werden müssen. Beide Spiele beinhalten Versteigerungen.
Und schließlich ist "Barbarossa" von Klaus Teuber, Spiel des Jahres 1988, nach dem Konkurs der ASS zu Kosmos gekommen. Damit hat der Verlag ein rundum interessantes und äußerst sehenswertes Programm an Spielen zu bieten. Eine illustre Runde von Spielern trifft nach und nach ein. Wir reden noch lange miteinander und steuern dann das jeweilige Abendprogramm an.
Jetzt geht es auf einen Rundgang, wo auch die Hallen besucht werden, in denen nur ab und zu mal ein Spiel zu finden ist. Ein israelischer Verlag bietet einige raffinierte Knobeleien und Denkspiele aus Holz an, aber auch Spiele im eigentlichen Sinne. "Games of Art" nennt sich die Serie aus drei Spielen, wo man sich intensiv mit berühmten Kunstwerken beschäftigt. Unweit davon fällt "Digid" auf, ein abstraktes Taktikspiel aus den Niederlanden, das Elemente von "Schach" und "Dame" miteinander verbinden will.
Abstrakt auch "Bi-Litaire" von Kris Burm, eine Neuheit, die am Stand der Firma Perner zu sehen ist. Dort finden wir auch eine Computerversion von "Zatre". - Statt zu würfeln muß man sich merken, welche Zahl auf welchem Feld steht bei dem schönen "Dimenticato" von Dr. F. Hein. GiGaMic hat wieder zwei tolle abstrakte Spiele. "Batik" wird mit Tangramteilen zwischen zwei senkrecht stehenden Glasscheiben gespielt. "Quoridor" ist über F. X. Schmid erhältlich, und man verstellt den gegnerischen Figuren den Weg mit beweglichen Barrieren. Bei Haba konzentriert man sich auf Spiele für Kleinkinder, natürlich in einer wunderschönen Holzausführung.
Zwischen den einzelnen Spielestationen immer wieder Kuriositäten: ein optischer Trick, der ein kleines Schwein so lebensecht projiziert, daß ich tatsächlich danach greife, ein blutsaugender Kugelschreiber, ein winziger aber echter Tornado in einem Glas, ein Puzzle mit Hägar als Mona Lisa und eine Kartoffelpistole mit garantiert 300 Schuß aus einer Kartoffel.
Ich sehe mir noch "Golden Boy" an, ein unauffälliges Spiel um Aktienkurse und Firmenübernahmen. Mehr als 20 Minuten erklärt der schweizer Autor die Regeln in einem Kauderwelsch aus Französisch, Deutsch und Englisch. Ich verstehe nur, daß dieses Spiel einige interessante Ideen enthalten könnte.
Danach eine Stunde Regelerklärung auf Englisch und Französisch, dann Probespielen mit Jean Vanaise und Kris Burm, den Autoren von "Dicemaster". Das ist ein einfaches Abenteuerspiel, wo statt Karten unterschiedliche Würfel eingesetzt werden. Das Spiel erscheint im Herbst in Deutschland.
Jetzt aber schnell zum Autorentreffen der spielbox und dann noch eine Abschiedsrunde. Die meisten von uns sehen sich ja erst im Oktober in Essen wieder.
Auf der Bahnfahrt zurück ziehen wir ein Fazit. Es gibt erstaunlich viele interessante Spiele in diesem Jahr. Sehr viele werden aber erst recht spät im Jahr erscheinen. Bahnbrechende Neuheiten sind uns bislang nicht aufgefallen. Auch die vielbeschworenen Innovationen bei den Puzzles wurden bereits in den letzten beiden Jahren vorgestellt. Erfreulicherweise scheinen anspruchsvolle Spiele eine kleine, jedoch solide Marktnische in Deutschland zu haben, aber leider eben nur in Deutschland. Deshalb gibt es auch bei uns weiterhin so viele gute Spiele. Besorgniserregend ist die Konzentration, wodurch die einst breite Palette der Verlage immer schmaler wird.
"Im letzten Jahr saß ich noch bei Ihnen unten im Plenum, heute stehe ich hier oben auf der Bühne. Wer weiß, wo ich im nächsten Jahr bin." Diese rhetorische Frage eines Spielemanagers auf der Pressekonferenz werden sich viele Beschäftigte aller Hierarchieebenen in der Spielebranche mit zunehmender Besorgnis stellen müssen.
Berthold Heß