19.07.2021 – Paleo ist das Kennerspiel des Jahres 2021. Um 11.02 Uhr wurde der Sieger des zweitwichtigsten Spielpreises der Welt im Berliner Nhow-Hotel bekanntgegeben. Mit Leuchtfontänen auf der Bühne wurden Autor Peter Rustemeyer und Verleger Moritz Brunnhofer empfangen. Es ist der siebte Titelgewinn für den Hans im Glück Verlag, allerdings der erste Kennerpreis.

Die Jury erklärt ihre Wahl so: "Paleo gelingt es auf außergewöhnliche Weise, dynamische Geschichten und Bilder in den Köpfen der Gruppe entstehen zu lassen, die noch lange nach Spielende nachhallen. Im harten Kampf ums Überleben lernen wir, dass wir nur zusammen als Gruppe stark sind. Die Vielzahl an unterschiedlichen Ereignissen hält unsere Neugier über viele Partien dauerhaft aufrecht und belohnt das Erkunden dieser packenden und unnachgiebigen Steinzeitwelt."

Was zuvor geschah: 

10.30 Uhr: Harald Schrapers, Vorsitzender der Jury, steigt in die Bütt. Mit reduziertem Publikum, mit Maske, ohne Umarmungen. Und Peter Rustemeyer hält Händchen, sozusagen ein bisschen der Nervositätsableiter. So spannend war es ja schon lange nicht mehr, klare Favoriten für eine der beiden Kategorien gibt es nicht.

„Vielleicht ist es eine der wichtigsten Spiel-des-Jahres-Verleihungen überhaupt“, sagt Harald Schrapers. Weil im Lockdown so viele Menschen das Spielen für sich neu entdeckt haben. Und jetzt nach mehr gieren, Neues, Anderes kennenlernen wollen. Das heißt: Vielleicht hält die Goldgräberstimmung aus dem Jahr 2020 an. Hoffen im Grunde alle in der Branche, andere glauben nicht.

10.36 Uhr: Bernhard Löhlein, Sprecher der Jury, plaudert mit Wolfgang Kramer über 25 Jahre El Grande. Und es geht gleich um ein heißes Eisen: die Erfindung der Kramer-Leiste. „Ich hatte beim Spielen keinen Stift und Papier dabei und ärgerte mich, weil ich die Punkte nicht notieren konnte.“ Da kam die Idee: Spielfiguren halten die Punkte fest.

Vor 35 Jahren gewann Kramer zum ersten Mal den Roten Pöppel für Heimlich & Co. Kramer wurde im Urlaub von Ravensburger-Redakteur Bertram Kaes angerufen. „Wo hat der meine Nummer her, dachte ich. Was will der“, erzählt Kramer. Am Ende des Gesprächs ließ Kaes die Katze aus dem Sack. „Da begann das Freudengeheul. Wenn man gewinnt, möchte man alle Menschen umarmen.“ Mal schauen, wer sich heute umarmen dürfte – wenn er denn dürfte.

1996 dann El Grande, Kramer zusammen mit Richard Ulrich. Eine Kooperation in der Prä-WhatsApp-Internet-E-Mail-Ära. Ging trotzdem. „Mit stundenlangen Telefonaten“, erzählt Kramer. Was dazu führte, dass seine Frau Uschi drängelnd hinter ihm stand, wenn sie auch mal einen Anruf erwartete.

El Grande würde heute nicht mehr Spiel des Jahres werden, sondern wenn, dann Kennerspiel des Jahres. „Was hat sich seitdem geändert?“, fragt Löhlein. „Alles“, sagt Kramer. „Das Spiel ist ein Unterhaltungsmedium geworden, das seinesgleichen sucht.“ Wie Musik. Wie Bücher. „Aber das macht man alles alleine“, sagt Kramer. Das Spiel bindet viele Menschen ein.

1999 und 2000 kamen die nächsten Titel, Tikal und Torres. Die Idee war die einer versunkenen Stadt, die auftaucht und dann wieder verschwindet. Aber es klappte nicht mit einem Mechanismus. Dabei fanden Kramer und sein Co-Autor Michael Kiesling etwas anderes. Die Mechanismen für Tikal und Torres.

Es folgten danach noch weitere Nominierungen, immer wieder. Wie das ist? „Man zittert innerlich“, gibt Kramer zu. „Und man ist maßlos enttäuscht, wenn es nicht klappt.“ Das wird heute auch wieder vier Autoren/Autorenteams so gehen. Kramer fiel es leicht, er hat insgesamt fünf Mal den Titel gewonnen. Da kann man gelassen sein. „Ich kann gönnen.“

Ein Ausblick. Kramer erwartet Spiele mit KI, Künstlicher Intelligenz. „Nachdem das Spiel über 5000 Jahre alt ist, wird es auch weitere 5000 Jahre überstehen.“

Selbst ein Grande der Spieleszene: Wolfgang Kramer. (Foto: Thomas Ecke / Spiel des Jahres)

 

 

10.49 Uhr: „Manuel, übernehmen Sie“, sagt Löhlein zu Manuel Fritsch, der die Nominierungszeremonie moderieren wird. „Ohne Heimlich & Co. und El Grande wäre ich heute nicht in der Jury“, sagt er.

10.51 Uhr: Vorstellung Die verlorenen Ruinen von Arnak. „Das Tolle ist die Ausstattung“, sagt Juror Nico Wagner. „Man riecht förmlich den Dschungel. Man wird reingezogen und hat Lust, es zu entdecken.“ Und Stephan Kessler sagt: „Das Gesamtpaket ist einfach ideal.“ Der Mix der Mechanismen ist es. Nichts ist neu, aber so wie es konstruiert wurde, sei es einzigartig.

„Wir mögen Fantasy-Romane, wir mögen Abenteuer-Geschichten“, sagt Michaela Stachova, die für ihren Mann Michal Stach auf der Bühne ihre Nominierungsurkunde entgegennimmt.

10.54 Uhr: Weiter geht es mit Fantastische Reiche. Es geht darum, aus sieben Karten ein Königreich zu erschaffen. „Es hat einen sehr einfachen Einstieg, aber einen enorm hohen Wiederspielreiz, der wahnsinnigen Spaß und Spannung mit sich bringt“, sagt Jurorin Julia Zerlik.

Liveschalte zu Autor Bruce Glassco, dessen Spiel in den USA schon vor einigen Jahren erschienen ist. „Ich denke, wenn das Spiel erfolgreich in Deutschland sein kann, kann es überall erfolgreich sein.“ Die Nominierungsurkunde nimmt Marcel Straub von Strohmann Games für Bruce Glassco gleich mit.

10.58 Uhr: Und nun der dritte Mitbewerber: Paleo. Die große Frage ja, ob Udo Bartsch wieder ein Rantanplan-T-Shirt trägt. Nein. „Paleo ist ein Spiel mit ganz frischem Thema, einfach ein tolles Spiel“, sagt Jurorin Martina Fuchs.

Autor Peter Rustemeyer und Verleger Moritz Brunnhofer sind auf der Bühne. „Bevorzugst Du auch die Paleo-Diät?“, fragt Fritsch den Autor. Ja, ein Witz, der auf der Hand liegt. „Nach dem 20. Mal war er nicht mehr so witzig“, kontert Rustemeyer trocken. (ab)